Wer ist Louise Glück? Seit Donnerstag, 8. Oktober 2020, 13.01 Uhr ist sie Trägerin des Literaturnobelpreises. Womit die Schwedische Akademie wieder einmal für eine zumindest teilweise Überraschung sorgte.

Der Entscheidung vorausgegangen waren in den Feuilletons heftige Auseinandersetzungen und endlose Listenerstellungen.

Die Auseinandersetzungen betrafen den Literaturnobelpreis für Peter Handke im Jahr 2019, der von weiten Teilen der Kommentatoren als politische Bankrotterklärung des Komitees gewertet wurde. In den Listenerstellungen ging es um Autoren, die es 2020 dem weltweit höchstdotierten Literaturpreis (950.000 Euro) ermöglichen sollten, wie ein geläuterter Phönix aus der moralischen Asche zu steigen.

Werke der neuen Preisträgerin. - © APAweb / TT News Agency/Henrik Montgomery/via Reuters
Werke der neuen Preisträgerin. - © APAweb / TT News Agency/Henrik Montgomery/via Reuters

Naturgemäß führten schwarze Autorinnen vor schwarzen Autoren. Diesmal, dachte man, muss es politisch korrekt werden, das Komitee würde nichts Anderes wagen. Maryse Condé wurde ins Spiel gebracht und Ngugi Wa Thiong’o. Oder vielleicht Haruki Murakami? Wenig Chancen räumte das Feuilleton jedenfalls Thomas Pynchon ein, der als weißer amerikanischer Mann von vorneherein ein Außenseiter des Black-Lives-Matters-Jahres wäre.

Die Kommentatoren übersahen dabei eines grundlegend: Dass sie genau nach dem Muster vorgingen, das sie dem Literaturnobelpreis-Komitee beständig vorwerfen, nämlich die Zeichensetzung über die literarische Qualität zu stellen.Und nun ist es zwar eine Frau, aber eine Weiße und eine US-Amerikanerin obendrein. Nur ist sie selbst unter europäischen Literaturkennern nahezu unbekannt – wesentlich unbekannter jedenfalls als die Preisträgerinnen und Preisträger der letzten Jahre. 2008 erschien auf Deutsch ihr Gedichtband "Wilde Iris". Er ist längst vergriffen. Und das war’s dann laut dem Buch-Versandgiganten Amazon.

Unverkennbare Stimme

Eine übersehene Dichtern? Ein übersehenes Genie? Das soll durchaus vorkommen in der Welt der Literatur. "Louise Elisabeth Glück wurde für ihre unverkennbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell macht", ausgezeichnet, hieß es in der Begründung der Schwedischen Akademie. Schneller Rundruf bei Anglisten und Amerikanisten – ja, schon einmal den Namen gehört, als eine der Großen in den USA gilt sie. Aber wirklich verbinden kann kaum einer etwas mit ihr. Lyriker-Schicksal. Die amerikanischen Verlage sind sich nicht einmal einig, ob sie die Autorin "Glück" oder "Gluck" schreiben sollen, also ohne die ungeliebten deutschen Umlaut-Punkte.

Dabei hat die am 22. April 1943 geborene New Yorkerin schon einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen, geht man allein von den Preisen aus: National Humanities Medal, Pulitzer Prize, National Book Award, National Book Critics Circle Award, Bollingen Prize – das sind nur ein paar davon. 2003 bis 2004 war sie Poet Laureate der Vereinigten Staaten, also in etwa die offizielle Staatsdichterin der USA.

Louise Glück ist die Tochter jüdischer Emigranten aus Ungarn. In ihrer Schulzeit litt sie an Anorexie. Mithilfe von Therapien überwand sie die Krankheit und belegte einen Kurs in poetischem Schreiben. Sie war zweimal verheiratet, beide Ehen scheiterten. Die persönlichen Schicksalsschläge fließen, ebenso wie Themen des Feminismus, immer wieder in ihre Dichtung ein.

"Als Du mit deinem Koffer hereinkamst, / die Tür offen lassend, so dass sich die Nacht / hinter dir in einem schwarzen Quadrat zeigte mit ihren kleinen Sternen wie Nagelköpfen, / wollte ich dir sagen: / dass du wie der Hund warst, der regelmäßig zu dir kam / auf drei Beinen", hebt eines ihrer Gedichte an und verwandelt mit wenigen Worten eine Alltagssituation in Atmosphäre und Ironie. Ein anderes Gedicht aus der Sammlung "Wild Iris" beginnt: "Möchten Sie wissen, wie ich meine Zeit verbringe? / Ich gehe über den Rasen und tue so, / als würde ich jäten." An seinem Schluss heißt es: "Du willst meine Hände sehen? / Sie sind so leer wie bei der ersten Note. / Oder ging es darum, immer ohne Zeichen weiterzumachen?"

Das liest sich fast wie eine zaghaft ins Positive gewendete Lyrik der Sylvia Plath – und zeigt gleich, weshalb die Poesie der Louise Glück in den USA hohen Stellenwert genießt, aber im deutschsprachigen Raum nicht recht ankommt: Es ist eine Dichtung, die in diesen Fällen weniger auf Inspiration und kühner Metaphorik beruht als auf der Transformation von Alltagssituationen, deren Poetisierung man sich erarbeiten kann. Im deutschsprachigen Raum sieht man gemeinhin auf diese erlernbare Poesie herab.

2016 wurde Louise Glück von Barack Obama mit der National Humanities Medal ausgezeichnet. - © APAweb /afp
2016 wurde Louise Glück von Barack Obama mit der National Humanities Medal ausgezeichnet. - © APAweb /afp

Überzeitliche Leiderfahrungen

Doch Louise Glück ist weit höher anzusiedeln als die Dichterinnen und Dichter der Schreibkurse. Als eines ihrer Meisterwerke gilt das Poem "October", vom Typus her eines der von englischsprachigen Dichtern, etwa Wystan Hugh Auden und T. S. Eliot, häufig angewendeten Langgedichten.

Louise Glück reagiert in "October" auf die Terroranschläge des 11. Septembers und schlägt in der Anrufung und Überwindung von Leid und Leiden einen weiten Bogen von der Antike bis in die Gegenwart: "Ist es wieder Winter, / ist es wieder kalt, / ist Frank nicht einfach auf dem Eis ausgerutscht / genas er nicht, / waren die Frühlingssamen nicht gepflanzt / hat die Nacht nicht geendet, / hat das schmelzende Eis nicht / die engen Dachrinnen überflutet / war nicht mein Körper / gerettet, war es nicht sicher / hat nicht die Narbe unsichtbar Narbenform, unsichtbar über der Verwundung / Angst und Kälte gebildet", heißt es in dem Gedicht.

Der Brückenschlag zwischen archetypischen Situationen, die sie in der Antike findet, und gegenwärtigen Brüchen und Verletzungen ist charakteristisch für Louise Glücks Dichtung, so auch in "The Triumph of Achilles" und "Ararat". Das genaue Benennen und die Anreicherung der Sprache mit sinnlichen Reizwörtern sind Bestandteile dieser Lyrik, die damit tatsächlich als Dichtung von überzeitlicher Bedeutung zu werten ist.

Womit die Schwedische Akademie, zumindest aus deutschsprachiger Sicht, einen neuen Weg eingeschlagen hat: Nicht die (gesellschafts-)politische Zeichensetzung hat den Ausschlag gegeben, nicht die internationale Bedeutung eines Namens, sondern die Qualität einer Dichtung, die, wie viele große Dichtung, auch Position bezieht. Vor allem aber ist es ein Signal, eine der wesentlichen Stimmen der Gegenwartsdichtung zu entdecken – und es ist obendrein lobenswert, dass nach den Prosaautoren Kazuo Ishiguro (2017), Olga Tokarczuk (2018) und Peter Handke (2019) wieder Lyrik für wert des Preises erachtet wurde. Dem Literaturnobelpreis 2020 für Louise Glück kann man also getrost von ganzem Herzen zustimmen.