Setzt sich heuer vielleicht gar einer der üblichen Verdächtigen beim Literaturnobelpreis durch? Heute, Donnerstag, um voraussichtlich 13 Uhr wird man's wissen.

Die Spannung jedenfalls ist vor dem Literatur- und vor dem Friedensnobelpreis immer am größten, denn bei diesen beiden Preisen schwingt immer auch Moral mit. Und jeder versteht etwas Anderes unter Moral.

Vielleicht der Literaturnobelpreisträger 2021: Ngugi Wa Thiong'o. 
- © APA / HANS KLAUS TECHT

Vielleicht der Literaturnobelpreisträger 2021: Ngugi Wa Thiong'o.

- © APA / HANS KLAUS TECHT

Moral ist nicht messbar, und argumentierbar ist sie nur individuell. Das gibt immer wieder hinreichend Anlass zu Diskussionen, wie die Vergabe des Preises an den sowohl politisch als auch literarisch umstrittenen und doch durchaus nobelpreiswürdigen Peter Handke im Jahr 2019 oder die an den mit dem chinesischen Regime weitgehend konformen Mo Yan im Jahr 2012 gezeigt hat.

Literatur mit "idealistischer Richtung"

Dass die ethische Qualifizierung und nicht nur die literarische beim Literaturnobelpreis zu beachten ist, geht auf Alfred Nobel selbst zurück, der verfügte, geehrt werden soll, wer "das Beste in idealistischer Richtung geschaffen" hat.

Die "idealistische Richtung" ist der Pferdefuß, der zwei Autoren, die literarisch wie keine anderen prädestiniert gewesen wären, die Auszeichnung gekostet hat: Bertolt Brecht stand zu weit links, Jorge Luis Borges zu weit rechts.

Seit Jahren ist man im Vorfeld sicher, dass Margaret Atwood den Literaturnobelpreis bekommt. Heuer könnte es endlich soweit sein. 
- © APA / Getty Images / AFP / Lars Niki

Seit Jahren ist man im Vorfeld sicher, dass Margaret Atwood den Literaturnobelpreis bekommt. Heuer könnte es endlich soweit sein.

- © APA / Getty Images / AFP / Lars Niki

Und heuer? - Gehen der Schwedischen Akademie allmählich die Namen aus, die groß sind, aber doch nicht allzusehr auf der Hand liegen? Thomas Pynchon wäre einer dieser Kandidaten, ebenso wären Margaret Atwood und Anne Carson im Sinne des Preises geeignet. Zu geeignet vielleicht für den Geschmack der Schwedischen Akademie. Sie lehrt schließlich nur allzu gerne das Staunen über ihre Entscheidungen.

Obendrein spricht gegen Pynchon seine Öffentlichkeitsscheu. Hatten die Preisrichter, Gerüchten zufolge, Thomas Bernhard den Preis nicht gegeben, weil sie eine öffentliche Standpauke oder gar eine Zurückweisung des Preises coram publico fürchteten, so fiele bei der Verleihungsfeier für Pynchon kein Strahl von dessen Berühmtheit auf sie, da der Autor öffentliche Auftritte verweigert.

Martin Walser wiederum, öffentlichen Auftritten und Reden durchaus zugetan, hat als deutschsprachiger Autor im Jahr zwei nach Handke wohl geringe Chancen.

Mircea Cartarescu wäre der ideale Literaturnobelpreisträger - zu ideal vielleicht für den Geschmack der Schwedischen Akademie. 
- © APA / AFP / Anton Roland LAUB

Mircea Cartarescu wäre der ideale Literaturnobelpreisträger - zu ideal vielleicht für den Geschmack der Schwedischen Akademie.

- © APA / AFP / Anton Roland LAUB

Wetten auf den Gewinner

Weil die Schwedische Akademie gar so eigenwillig in ihren Preisvergaben vorgeht (man erinnere sich an Preisträger wie Dario Fo, Harold Pinter oder Bob Dylan ebenso wie an Nicht-Preisträger wie Hanns Henny Jahnn, Thomas Bernhard oder Friedrich Dürrenmatt) ist der Literaturnobelpreis jedes Jahr wieder gut für Wetten.

wettbasis.com sieht derzeit die Kanadierinnen Anne Carson und Margaret Atwood, die Russin Lyudmila Ulitskaya, die Französin Maryse Conde und den Kenianer Ngugi Wa Thiong'o voran. Maryse Conde und Ngugi wa Thiong'o liegen auch bei Ladbrokes in Führung, aber ebenso werden der bei den meisten Buchmachern beharrlich falsch, nämlich Attwood, geschriebenen Margaret Atwood große Chancen eingeräumt. Weiter geht es mit den beiden anderen üblichen Nobelpreis-Verdächtigen: dem Japaner Haruki Murakami und dem Albaner Ismail Kadare.

Keine Chance für Bühnenautoren? - Segelt Yasmina Reza nur unter der Wahrnehmungsschwelle des Feuilletons oder auch unter der der Schwedischen Akademie? 
- © APA / AFP / CHARLY TRIBALLEAU

Keine Chance für Bühnenautoren? - Segelt Yasmina Reza nur unter der Wahrnehmungsschwelle des Feuilletons oder auch unter der der Schwedischen Akademie?

- © APA / AFP / CHARLY TRIBALLEAU

Zunehmend häufig genannt wird der Rumäne Mircea Cartarescu, gegen den freilich spricht, dass er wie kaum ein anderer Gegenwartsautor als idealer Preisträger in Frage käme, die Schwedische Akademie aber nichts lieber macht als um die auf der Hand liegenden Kandidaten einen großen Bogen zu schlagen. Eine Chance also für den syrischen Lyriker Ali Ahmad Said Esber, der unter dem Künstlernamen Adonis schreibt und mittlerweile weit seltener genannt wird als noch vor wenigen Jahren?

Theaterautoren chancenlos?

Auffallend lange hat kein primärer Bühnenautor den Preis bekommen: Harold Pinter war 2005 der bisher letzte. Die Französin Yasmina Reza, der Spanier Fernando Arrabal und der Norweger Jon Fosse segeln offenbar unter der Wahrnehmungsschwelle der literaturinteressierten Öffentlichkeit - ob auch unter der der Schwedischen Akademie wird sich heute weisen.