Irgendein Spaßvogel hat in den Tagen vor Verkündigung des Literaturnobelpreises noch rasch Michel Houellebecq in die Wettquoten geschummelt. Nach Frankreich ist die Auszeichnung nun tatsächlich gegangen. Aber – erfreulicherweise – an eine Art Schriftsteller-Gegenentwurf: Annie Ernaux, seit Jahren auf der Favoritenliste für den Nobelpreis, hat ihn dieses Jahr endlich tatsächlich zugesprochen bekommen.

Die Französin steht für ein Genre, das sich seit einiger Zeit – passend zu unserer Social-Media-Ära der Selbstbespiegelung – zum Trend entwickelt hat: Autofiktion, also die literarische schonungslose Selbsterkundung mit einem kühlen Blick auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. Wer sich tausende Seiten Karl Ove Knausgård zu Gemüte führt, dem soll bewusst sein: Erfunden hat diesen speziellen literarischen Blick eine Frau.

Ein Trend der Zeit

Junge französische Bestsellerautoren wie Édouard Louis haben dieses Konzept aufgegriffen und ihre Vorläuferin ganz klar benannt und gewürdigt. Das brachte Ernaux zuletzt mehr verdiente Aufmerksamkeit und Anerkennung. Ins Deutsche etwa wurden ihre Bücher zwar schon Anfang der 1980er übersetzt, stießen aber damals auf wenig Interesse. Mit den Neuübersetzungen (von Sonja Finck), die seit 2017 bei Suhrkamp erscheinen, sieht das schon anders aus. Sie treffen kurioserweise den Nerv der Zeit, den sie selbst einst freigelegt hat.

Annie Ernaux’ Bücher basieren allesamt auf ihrem Leben – dem Leben einer Frau in Frankreich der letzten 70 Jahre. Es sind aber keine simplen autobiografischen Schriften, sie lassen sich eher als Mischung aus Literatur, Geschichtsschreibung und Gesellschaftsbetrachtung beschreiben.
Dazu passend verwendet sie eine nüchterne Sprache ohne Schnörkel, ohne Sentimentalität. Ernaux nennt sich eine "Ethnologin" ihrer selbst, aber auch eine "Archäologin". Das zeigt schon, mit welcher Akribie sie wahrlich in die Tiefe "gräbt" und persönliche und kollektive Geschichte verblendet. "Die Gesellschaft ist in uns. Immer", hat sie einmal in einem Interview gesagt.

Gefühl der Unwürdigkeit

Ihr erster autobiografischer Roman "Les Armoires vides" erschien 1974. Damals arbeitete sie als Lehrerin in einem Gymnasium. Schon da war ein Gefühl Triebfeder ihres Schaffens, das sich wie ein Leitmotiv durch ihr Werk ziehen wird: Scham.
Ernaux war, 1940 geboren, in bescheidenen Verhältnissen als Arbeiterkind in der Normandie aufgewachsen. Sie war die Erste aus ihrer Familie, die studiert hat. Ihr Überschreiten von Klassengrenzen brachte ihr ein beständiges Gefühl der Unwürdigkeit, des Nicht-Ausreichens ein, die Herkunft aus der Provinz ließ sich nicht abschütteln.

Scham speiste sich auch aus der religiösen, katholischen Erziehung, der sie aber zu entfliehen gedachte. "Die Scham" heißt folgerichtig sogar eines ihrer Bücher, das die besonders schmerzhafte Erfahrung, sich wegen der Unzulänglichkeit und Rückschläge der eigenen Eltern zu genieren, beschreibt. Im Wiener Volkstheater wird Ende Oktober eine Bühnenversion davon Premiere haben.

Den Eltern ist jeweils noch ein eigener Band gewidmet: "Der Platz" gehört dem Vater, "Die Frau" ist ihre Mutter – eine Frau, die einen enormen Bildungshunger hatte, aber trotzdem mit zwölf Jahren die Schule verlassen musste, um zu arbeiten. Ernaux rekonstruiert ein Milieu der Arbeiterklasse der Nachkriegszeit, das nachwirkt, auch wenn man den Ausstieg daraus geschafft hat. Nicht nur bei ihr.

Sexualität und Frausein


Aber auch die Liebe und die Sexualität sind tragende Themen in den 18 Titeln von Ernaux. In "Erinnerung eines Mädchens", ihrem vorletzten Buch aus 2016, geht sie zurück in jene Zeit, als sie, endlich der Klosterschule entkommen, eine junge, freie Frau werden will. Die erste sexuelle Erfahrung ist freilich von Zwang, Gewalt und schließlich Demütigung geprägt – und wird sie lange als Trauma begleiten. Ein Trauma steht auch im Mittelpunkt von "Das Ereignis" aus dem Jahr 2000, das durch die Verfilmung von Audrey Diwan, die 2021 mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnet wurde, für Aufsehen gesorgt hat. Nicht zuletzt, weil es gezeigt hat, wie dringlich die Texte von Annie Ernaux sind: In "Das Ereignis" erzählt sie von der 23-jährigen Annie, die merkt, dass sie schwanger ist. Mit einem unehelichen Kind wäre ihr schwer erkämpftes Studium nicht mehr aufrechtzuerhalten, ihr mühsam aufgestoßenes Tor aus den prekären Verhältnissen wieder fest verschlossen. Sie will also abtreiben, aber im Frankreich der 1960er ist Abtreibung illegal. Sie beschreibt drastisch und oft schwer erträglich, wie sie etwa mit Stricknadeln zur Selbsthilfe greift, wozu die Angst und gesellschaftliche Zwänge, die freilich nur die Frauen einschränken, sie treiben. Aktuelle Entwicklungen etwa in den USA geben diesem Buch eine erschreckende Aktualität.

Ihre Art zu schreiben hat Ernaux einmal in "Druckfrisch" so erklärt: "Ich schreibe von Dingen, die ich erlebe, die andere Menschen auch erleben. Ich bin letztlich nur ein Ort, an dem menschliche Dinge geschehen. Selbst wenn ich ,ich‘ schreibe, stelle ich mir vor, dieses Ich ist eine andere, und dann will ich ans Licht holen, was in deren Innerem vorgeht."
Heuer erschien ihr Roman "Le jeune homme", der von einer Beziehung zu einem 30 Jahre jüngeren Mann erzählt, auf Deutsch ist er noch nicht übersetzt.

Das Nobelkomitee hat sich dieses Jahr für eine vergleichsweise zugängliche Preisträgerin entschieden, selbst für Wenigleser: Kaum ein Buch von Annie Ernaux hat mehr als 100 Seiten.
Für die Schriftstellerin selbst wird der Nobelpreis ein schöner Bonus sein. Denn ihr Motto ist, wie sie in ihren Tagebüchern schreibt: "Ich habe nie etwas gewollt außer Liebe und Literatur. Die Liebe ist ein großes Rätsel und die Literatur bemüht sich, es zu entschlüsseln."