Wien.

Extrem laut und unglaublich nah", erklärte Moderator Billy Crystal in Anspielung auf den gleichnamigen, Oscar-nominierten Film, würden sich seine Verwandten die Verleihung zu Hause vor dem Fernseher ansehen. Der Altersdurchschnitt des Haupt-Publikums der Gala bringt offenbar Hör- und Sehdefizite mit sich. Wohl als eine Art Verjüngungskur war deswegen Sonntag Nacht sogar Justin Bieber da. In einem Video-Zuspieler verriet der Teenie-Popstar, warum man ihn engagiert hatte: "Damit endlich mehr Leute aus der Zielgruppe der 18- bis 24-Jährigen zuschauen". Doch die offene Selbstironie der Veranstalter in allen Ehren – der Verlauf der 84. Oscar-Verleihung zeigte wieder einmal: Das Gestern regiert.


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Es muss natürlich nicht immer schlecht sein, wenn die überwiegend älteren Herrschaften der Academy of Motion Picture Arts & Sciences bei der Preisverleihung für ihresgleichen entscheiden, wie sich zum Beispiel in der Würdigung für den 82-jährigen Christopher Plummer zeigte: Für seine Nebenrolle in "Beginners", als krebskranker Vater, der sein spätes Outing beschließt, erhielt er als ältester Schauspieler jemals zum ersten Mal den Oscar – und stellte in seiner Dankesrede im Zwiegespräch mit der Statue fest: "Du bist ja nur zwei Jahre älter als ich".

Also alles Nostalgie an diesem Abend in Hollywood. Und ein Lobgesang auf die guten, alten Zeiten, mit je fünf Oscars für Scorseses "Hugo" (in den technischen Kategorien Kamera, Tonschnitt, Tonmischung, Spezialeffekte und Ausstattung) und Hazanavicius‘ "The Artist" (Bester Film, bester Hauptdarsteller, beste Regie, Filmmusik, Kostümdesign). Zwei Filme, die schwärmerisch von der Frühzeit des Kinos erzählen.

Hollywood im Abendglanz

Während sich draußen in der Realität die Filmrezeption durch Internet, Video-on-Demand, Tablets und Smartphones rasant verändert, beschwor der Altherren-Club der Academy noch einmal die große emotionale Strahlkraft des Kinos. Viele der prämierten Filme haben historisch-verträumte Geschichten. Neben "The Artist" und "Hugo", die das Kino selbst zum Thema haben, gehört auch Woody Allens "Midnight in Paris" zum seufzerisch-kitschigen Spiel mit nostalgischen Gefühlen. Allen erhielt überraschend den Oscar für das beste Original-Drehbuch, kam aber wie immer nicht zur Verleihung. Es ist sein insgesamt vierter Oscar, und der erste seit "Hannah und ihre Schwestern" (1987). Sein Film hat Qualität, aber es ist eben auch Altherrenkino.

Der Oscar fürs Make-up und die beste Darstellerin an Meryl Streep für ihre Darstellung von Margaret Thatcher in "Die Eiserne Lady" ist ebenso ein Film über das Gestern: Die 86-jährige, demenzkranke Thatcher erinnert sich darin an Szenen ihres politischen Lebens, der Film will zeigen, dass sie so eisern nicht war. Streeps Leistung ist grandios, aber auch sie gehört zu einer älteren Schauspielergeneration, die nach 17 Nominierungen nun ihren dritten Oscar erhielt. "Ich bleibe noch ein bisschen auf der Bühne, denn ich stehe sicher zum letzten Mal hier oben", sagte sie in ihrer emotionalen Rede.

Gefühlsbetont auch die Dankesworte von Octavia Spencer, die für ihre Nebenrolle im Civil-Rights-Drama "The Help" prämiert wurde, das ebenfalls im Gestern, genauer den 1960er-Jahren der Bürgerrechtsbewegung angesiedelt ist. Zu Tränen gerührt, hatte sich die Afroamerikanerin nach ihrem ersten Oscar-Sieg schnell wieder gefangen. Sie sei nicht die "typische Hollywood-Schönheit", grinste die vollschlanke Frau in die Kameras. Vielleicht könne ihr Triumph anderen Hoffnung machen.

Realistisch dagegen Billy Crystals Ausblick für die Zukunft: "Wir nähern uns rasant der Zielgruppe der 78- bis 84-Jährigen", scherzte er. Und spekulierte, wohin die Reise für den überalterten Teil der Filmindustrie geht: Ausgerechnet "Kodak", jener Konzern, der die Filmgeschichte mit seinem Zelluloid-Material erst ermöglicht hat, ist seit Jänner insolvent. Die Oscar-Gala fand wohl zum letzten Mal im "Kodak Theater" statt, das jetzt umbenannt werden muss. Billy Crystal: "Vielleicht trägt das Kodak-Theater im nächsten Jahr den Namen "Flomax Theater". Flomax ist ein Prostata-Medikament aus den USA. Justin Bieber hat diesen Witz wohl nicht verstanden.

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