Es war ein ganz schöner Knalleffekt, als im Dolby Theater zu Los Angeles aus dem Mund von Jane Fonda der Preis für den besten Film verkündet wurde: Nicht Scorseses "Irishman", nicht Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood", nicht Mendes‘ "1917", nicht Philipps‘ "Joker" wurde da ausgerufen, sondern "Parasite" des Südkoreaners Bong Joon-ho durfte triumphieren. Und es war nicht sein erster Triumph an diesem Abend, sondern sein vierter!

"Parasite", diese wunderbare südkoreanische Sozialsatire, deren Siegeszug im Mai 2019 bei den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme begann, holte bei der 92. Oscar-Verleihung nicht nur den Top-Preis, sondern wurde zunächst mit dem Oscar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet. Schon da war Bong Joon-ho überrascht, hatte man ihm doch eher den Oscar für den besten internationalen Spielfilm (früher: bester fremdsprachiger Film) zugetraut. Und wer den gewinnt, ist bei den Oscars gemeinhin "durch", auch, wenn er in weiteren Kategorien nominiert ist. Nicht so an diesem Abend: Auf den Drehbuch-Oscar folgte sogleich der "Beste internationale Film", und schon zu dem Zeitpunkt meinte Bong Joon-ho: "Jetzt bin ich bereit, etwas trinken zu gehen". Doch damit nicht genug, holte der Koreaner später am Abend auch noch den begehrten Regie-Oscar – ebenfalls vor favorisierten Kollegen wie Scorsese, Tarantino oder Mendes. Und am Ende wurde es gar der Hauptpreis.

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Was für ein Coup!

Vier Oscars für einen koreanischen Film mit Untertiteln. Man könnte fast meinen, die Oscar-Academy interessiere sich plötzlich für Filmkunst, oder es ist ihr ein Auszählungsfehler unterlaufen. Eine solche Konstellation hat es bei den Oscars noch nie gegeben: Ein fremdsprachiger Film als "Best Picture"? Undenkbar! Schon Michael Haneke nahm 2013 Anlauf und hätte die Chance gehabt, Oscar-Geschichte umzuschreiben, als er mit "Amour" fünffach nominiert war, unter anderem auch als "Best Picture". Doch damals wurde es für ihn "nur" der Auslands-Oscar, die übrigen Nominierungen galten mehr als Anerkennung. Bong Joon-ho münzte vier seiner sechs Nominierungen jetzt tatsächlich in Oscars um. Jede Wette, dass von seiner extrem unterhaltsamen und schwarzhumorigen Farce um eine arme Familie, die sich mit kühnen Tricks in eine Villa von Millionären einschleicht, bereits ein US-Remake geplant ist.

Oscars gabs's für Joaquin Phoenix, Renee Zellweger und Brad Pitt. - © AFP /Stephanie GARCIA
Oscars gabs's für Joaquin Phoenix, Renee Zellweger und Brad Pitt. - © AFP /Stephanie GARCIA

Mit "Parasite" ist der Academy eine große Überraschung gelungen, und die brauchte es an diesem Abend auch, denn die übrigen Preisträger waren durch die Bank vorhergesehen worden. Allen voran der Schauspieler-Oscar für Joaquin Phoenix als gepeinigter "Joker" – Phoenix bedankte sich in der für ihn typischen, schnoddrigen Weise und nutzte die Rede für eine Ermahnung: "Wir sprechen über den Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Viele Menschen sind weit von der Natur entfernt. Viele von uns glauben, wir sind das Zentrum des Universums. Wir nehmen einer Kuh ihr Baby weg und melken ihre Milch, damit wir sie in den Kaffee geben können", so Phoenix, ein bekennender Veganer. Wie gut, dass beim nachfolgenden Governors Ball nach Auskunft des österreichischen Star-Kochs Wolfgang Puck erstmals 70 Prozent aller Speisen vegan waren. Es ändert sich doch etwas.

- © WZ-Grafik, Quelle: apa
© WZ-Grafik, Quelle: apa

Ebenfalls vorhersehbar war der Oscar für Renee Zellweger. Ihre Darstellung der Leinwandlegende Judy Garland in dem ansonsten eher mauen Bio-Pic "Judy" brachte ihr den Hauptrollen-Oscar. Bei den Nebendarstellern triumphierten mit Brad Pitt (für Quentin Tarantinos "Once Upon A Time In Hollywood") und Laura Dern (für Noah Baumbachs "Marriage Story") ebenfalls jene beiden Akteure, die im Vorfeld als sichere Bank für die Auszeichnungen gegolten hatten.

Gerade bei Pitt hatte man an diesem Abend den Eindruck, die Zeit wäre stehen geblieben, so frisch und jugendlich wirkte der inzwischen schon 56-jährige. Für ihn und die 53-jährige Dern war es jeweils der erste Oscar in der Schauspieler-Kategorie.

Derns "Marriage Story" gehörte an diesem Abend aber auch zu den Verlierern. Denn die Netflix-Produktion konnte nur einen einzigen Oscar aus den sechs Nominierungen abstauben. "Joker" erhielt neben Phoenix‘ Trophäe aus elf Nominierungen nur noch den Oscar für die beste Filmmusik – der mit Hildur Gudnadottir immerhin erstmals an eine Frau ging.

Fiasko für "Irishman"

Die hochgelobte, vielfach favorisierte Weltkriegs-Schlacht von "1917" erhielt drei Oscars von zehn möglichen, und diese in den technischen Kategorien Kamera, Tonmischung und Visual Effects. Noch schlimmer traf es Martin Scorseses Netflix-Mafiadrama "The Irishman": Obwohl zehnfach nominiert, ging der herausragend gemachte Film völlig leer aus. Die Academy hat damit ein durchaus deutliches Zeichen gegen Streamingdienste wie Netflix gesetzt: Anders als in den Vorjahren verweigerte sie dem Online-Patschenkino die Anerkennung und zeichnete lieber internationales Kino aus. Eine Entwicklung, die Kinofans auf aller Welt mit Erleichterung wahrgenommen haben, nachdem man durch Netflix und Co. bereits das Ende der Lichtspielhäuser an die Wand gemalt hatte. Ob der Trend zurück zum Kino Bestand hat, wird sich allerdings erst zeigen. Dass das Kino im Mittelpunkt einer Filmgala steht, ist an sich noch nichts Besonderes.

Gerne wurde die Oscar-Verleihung in der Vergangenheit aber auch für politische Botschaften genutzt. Diesmal war das anders: Abgesehen von Joaquin Phoenix‘ Weltverbesserungsversuch waren kaum kritische Töne zu hören, der Name Trump fiel kein einziges Mal. Die Kommentare blieben subtil. So gesehen war die Verleihung der Königskategorie "Bester Film" durch Jane Fonda durchaus ein politischer Kommentar: Fonda hatte sich im Zuge der "Fridays for Future"-Demonstrationen, an denen sie regelmäßig teilnimmt, wiederholt auf den Stufen des Kapitols in Washington festnehmen lassen. Ein subtiles Zeichen der Academy, auf Fondas Seite zu stehen, war dieser Auftritt schon, wenngleich es die Weltpresse gar nicht mitbekam: Die schrieb lieber davon, dass Fonda jetzt erstmals mit silbergrauen Haaren auftrat anstatt mit der gewohnten blonden Mähne.

Ansonsten blieb diese 92. Verleihung unauffällig, auch aus musikalischer Sicht: Der vielfach angekündigte Auftritt von Pop-Shootingstar Billie Eilish geriet zur unspektakulären Nummer: Sie gab eine ziemlich verschlafene Version von "Yesterday" zum Besten. Der inzwischen ein wenig greise wirkende Sir Elton John holte sich später gemeinsam mit seinem langjährigen Songwriter-Partner Bernie Taupin den Oscar für den besten Filmsong für "(I’m Gonna) Love Me Again" zum Film "Rocketman" ab. Bei den Animationsfilmen verließ die Academy ausgetretene Pfade nicht: Man entschied sich für den arg gefloppten "Toy Story 4", anstatt innovative Trickfilme wie "Klaus" oder "Ich habe meinen Körper verloren" auszuzeichnen. Doch zu viel Revolution darf man sich nicht erwarten. Dass die 92. Oscars erneut ohne einen fixen Moderator über die Bühne gingen, brachte nicht mehr Kurzweil in die dreieinhalbstündige Show.

Dass man mit den Gags früherer Hosts doch einen erheiternden Aspekt dieser Sendung verloren hat, zeigten Steve Martin und Chris Rock, die die Verleihung als Host-Ersatz einleiteten. Sie witzelten über die anwesenden Gäste, darunter der Schwarze Mahershala Ali ("Er hat zwei Oscars. Was heißt das, wenn ihn die Polizei aufhält? Nichts!") oder Amazon-Chef Jeff Bezos ("Es ist unglaublich: Er ist geschieden und trotzdem noch immer der reichste Mann der Welt"). Wäre eigentlich gut, wenn die Academy sich im kommenden Jahr wieder darauf besinnt, durch einen Moderator auch einen Kommentar zur Zeit abzugeben, so wie auch die Filme ihre Zeit reflektieren, in der sie entstanden sind. "Parasite" ist hierfür Paradebeispiel.