It’s the economy, stupid! (Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!) Dieser Spruch stammt von Bill Clintons Wahlstratege James Caville im Jahr 1992. Ursprünglich richtete er sich, neben zwei anderen Mantras, an die eigenen Wahlkampf-Mitarbeiter. Sie sollten sich auf das Wesentliche, damals die strauchelnde Wirtschaft, konzentrieren. Er avancierte aber schnell zum Wahlslogan und wurde zur geflügelten Phrase.

In abgewandelter Form passt dieser Spruch auch zur Inflationsbekämpfung, und zwar zum Faktor Demografie. Also: "Es ist die Demografie, Oida!" Diese wird in den kommenden Jahrzehnten nämlich zu einer großen Herausforderung für Österreich und für die gesamte EU. Schon bald gehen die geburtenstarken Jahrgänge der Baby-Boomer in Pension. Weil die folgenden Geburtenjahre nicht mehr so stark waren, führt das dazu, dass der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung sinkt, während der Anteil der nicht Erwerbsfähigen steigt. Und auch die Ausgaben für Pensionen werden stark steigen, wie die "Wiener Zeitung" kürzlich berichtete.

Demografie befeuert Inflation

Und das hat auch Auswirkungen auf die Inflation. Der Anteil jener älteren Menschen, die Güter und Dienstleistungen nachfragen, aber selbst nicht mehr erwerbstätig sind, wird größer. Laut Statistik Austria steigt die Zahl der über 65-Jährigen in Österreich von derzeit knapp über 1,7 Millionen auf 2,6 Millionen im Jahr 2050. Die Zahl der in Österreich lebenden Menschen zwischen 20 und 65 soll im gleichen Zeitraum aber sinken, nämlich von derzeit 5,5 Millionen auf unter 5,2 Millionen (siehe Grafik).

"Diese Entwicklung hat zweifelsfrei einen positiven Inflationseffekt", erklärt Thomas Url vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Er ist Co-Autor der 2019 veröffentlichten Studien im Auftrag der Bertelsmannstiftung, "Makroökonomische Folgen der Alterung und des arbeitsparenden technologischen Fortschritts". Laut den Forschern könnte sich für Österreich bis 2050 eine zusätzliche Inflation von "drei Prozentpunkten aufgrund der langfristigen Änderung der Bevölkerungsstruktur" ergeben, sagt Url.

Überall Fachkräftemangel

Auch in den anderen EU-Ländern soll der Demografie-bedingte Inflationsdruck steigen. Und der Fachkräftemangel. "Wir sehen quer durch alle Branchen einen Mangel", so Url. Weniger bei Akademikerinnen und Hilfsarbeiterinnen, "die klassischen Facharbeiter sind Mangelware." Hatten 1980 noch lediglich 4,5 Prozent der in Österreich lebenden Menschen einen akademischen Abschluss, waren es 2020 bereits 19,5 Prozent. Der Anteil an jenen mit Lehrabschluss ist aber mit 31 zu 33 Prozent annähernd gleich geblieben.

Dieser Mangel spiegelt sich auch in den aktuellen Lohnverhandlungen wider. "Viele Lehrstellen können gar nicht besetzt werden", sagt Url. Auch das erhöht den Druck auf die Arbeitgeber in den Lohnverhandlungen, die Löhne und Lehrlingsgehälter anzuheben.Bisher wurde der Fachkräftemangel in Österreich über Zuzug vor allem aus den Ost-Ländern abgemildert. Dadurch sind auch die Reallöhne weniger stark gestiegen. Mittlerweile kommen diese Fachkräfte aber immer seltener, weil die Löhne und Gehälter in Zentral- und Osteuropa steigen, infolge eines noch rasanteren demografischen Mangels.

"Migration kann eine Lösung für eine schrumpfende Bevölkerung sein", so Url, vorausgesetzt die Qualifikation stimmt. Entscheidend sei also, welche Qualifikationen und welches Wissen die Menschen, die zu uns kommen, mitbringen und wie schnell sie hier eine Arbeit finden können. Um den Druck auf die Inflation zu mildern, "müssen wir das Arbeitskräfteangebot voll ausschöpfen", meint die Ökonomin und EcoAustria-Direktorin Monika Köppl-Turyna. Viel Potenzial nach oben sieht sie bei der Frauenerwerbsarbeit. Während in Österreich die Hälfte der Frauen in Teilzeit arbeiten, sind es bei den Männern nur 11 Prozent.

Außerdem spricht sich Köppl-Turyna wiederholt für ein höheres, faktisches Pensionsantrittsalter aus. Man müsse Menschen so lange es möglich ist, in Beschäftigung halten. "Ein wichtiges Element für eine längere Beschäftigung ist aber eine gute Gesundheitsprävention", sagt sie. Die Ausgaben im Gesundheitssystem sollten mehr in Richtung Prävention gelenkt werden.

Mehr Menschen in Pension und steigender Konsum bei gleichzeitig schrumpfender Erwerbsbevölkerung macht Güter und Dienstleistungen teurer. Wobei die Rechnung nicht ganz so einfach ist. Köppl-Turyna führt ins Treffen, dass die Sparquote bei Älteren nicht zwingend sinkt, weil viele in der Pension etwa für die Pflege oder für ihre Kinder und Enkelkinder sparen.

Viele Preistreiber

Außerdem reagieren Unternehmen auf steigende Lohnkosten mit mehr Investitionen in Technologien, die Arbeitskräfte sparen, mit mehr Automatisierung also. Das kann dazu führen, dass der Inflationsdruck abnimmt. Aber: Wenn in einer Gesellschaft der Investitions- und Kapitalbedarf steigt, steigen damit auch die Zinsen, meint Köppl-Turyna.

Neben der Demografie stehen aber eine Reihe weiterer, noch gar nicht eingepreister Inflationseffekte an. Zum Beispiel das Zurückholen der Produktion von kritischen Industriegütern aus Billiglohnländern nach Europa wird diese Güter wohl teurer machen. Auch die geplante und notwendige Diversifikation der Lieferketten wirkt preistreibend.

Es mache preislich einen Unterschied, ob man alle Mikrochips in großen Mengen beim billigsten Anbieter am Weltmarkt kauft. Ober ob man sie aus fünf verschiedenen Quellen samt Merkosten für Transport und Logistik bezieht, so der Wissenschafter. "Wir haben jedenfalls viele Faktoren, die erwarten lassen, dass das 2-Prozent-Inflationsziel der EZB in den kommenden Jahren nicht erreicht wird", sagt Url.