"Wiener Zeitung": Digitalisierung und Pflege – wie passt das
zusammen?

Michaela Evans: In der Pflege geht es stark um zwischenmenschliche Beziehungen. Viele Pflegekräfte sagen selbst, dass sie den Beruf gewählt haben, weil sie mit Menschen arbeiten wollen. Die Digitalisierung erscheint daher auf den ersten Blick fremd. Es ist jedoch so, dass es mehr Pflegefachkräfte bräuchte sowie Entlastung für die bereits Beschäftigten. Ebenso wünschen sich die Angehörigen, dass sie stärker eingebunden werden. Digitale Technologien können, wenn richtig eingesetzt, für Arbeitsentlastung, Fachkräftegewinnung und besser strukturierte Kommunikation sorgen.

Digitalisierung wird in der Pflege nur am Rande behandelt. Warum?

Ein großes Hindernis ist, dass es zu wenig Vorstellung davon gibt, an welchen Problemen im Arbeits- und Versorgungsprozess digitale Technologien ansetzen können. Es wird bei der technischen Innovation begonnen, zum Beipiel ein neues Software-Programm hergenommen. Dann wird in der Praxis das Problem gesucht, das dazu passen könnte. Zusätzlich wird nach der Implementierung der Technologie gefordert, dass sie von den Pflegekräften nicht nur akzeptiert, sondern auch richtig umgesetzt wird. Ich denke, dass das die falsche Herangehensweise ist. Wir sollten nicht nur über technische Hilfsmittel an sich reden, sondern eruieren, wo Zeitfresser, Belastungen oder Qualitätschancen liegen. Danach sollte man erst die Frage stellen, ob und welche Technologien eine Lösung bieten könnten.

Für wen birgt die Digitalisierung in der Pflege ganz grundsätzlich die meisten Vorteile?

Technik wird allzuoft von "Oben" verordnet, ohne über die Bedürfnisse der Beschäftigten nachzudenken, meint die Arbeitssoziologin Michaela Evans. Es wird dann nach Problemen gesucht, die zu einer technischen Lösung passen, die es schon gibt. - © Michaela Evans
Technik wird allzuoft von "Oben" verordnet, ohne über die Bedürfnisse der Beschäftigten nachzudenken, meint die Arbeitssoziologin Michaela Evans. Es wird dann nach Problemen gesucht, die zu einer technischen Lösung passen, die es schon gibt. - © Michaela Evans

Das hängt natürlich von der Technologie ab. Meist ist es ein Wechselspiel zwischen Pflegekräften, Pflegebedürftigen und Angehörigen. Ein Beispiel sind Telekonsile, die im Wundmanagement in der stationären Langzeitversorgung eingesetzt werden. Hierdurch kann erreicht werden, dass fach- und hausärztliche Expertise in der Langzeitpflege besser verfügbar wird. Gerade weil Arbeitsprozesse hoch verdichtet sind, kann man sich oftmals nicht so viel Zeit, wie man gerne möchte, für die Menschen nehmen. Telekonsile könnten daher für alle Beteiligten eine vorteilhafte digitale Lösung sein. Alle haben die Gewissheit, dass wenn sie kurzfristig Expertise brauchen, sie nicht mehrere Tage darauf warten müssen, sondern diese direkt abrufen können. Ähnliche Beispiele lassen sich für die Angehörigenberatung, für Sicherheit in der Medikamentenversorgung oder für die Aus-, Fort- und Weiterbildung aufzeigen.

Beschleunigt die Digitalisierung den Pflegeberuf?

Dies ist eine empirisch bisher ungeklärte Frage. Das wird davon abhängen, unter welchen Rahmenbedingungen digitale Technik in den Arbeitsalltag integriert wird und welche Konsequenz dies für Arbeitsprozesse und Aufgaben hat. Wir haben in unserer Forschung gesehen, dass Pflegeeinrichtungen die Digitalisierung häufig von oben herab denken. Es geht somit meist nicht darum, die fachliche Expertise der Beschäftigten zu erweitern, sondern um den Wunsch von Einrichtungsleitungen modern zu sein oder neuen Anforderungen von außen, etwa Dokumentationspflichten, gerecht zu werden. Dadurch wird die Etablierung neuer Technologien schnell zu einem Top-down-Projekt. Wenn so vorgegangen wird, ist auf keinen Fall sichergestellt, dass die digitale Technik am Ende auch einen Mehrwert im Sinne von Entlastung, Zeitersparnis oder besserer Versorgungsqualität hat. Umso wichtiger sind Vereinbarungen, mit denen die Technik Teil des Arbeits- und Versorgungsalltages wird. Wenn es diese nicht gibt, dann ist die Gefahr groß, dass die freigeschaufelten Zeitressourcen dazu genutzt werden, die Arbeit weiter zu verdichten. Das wäre Makulatur und hat dann nichts mehr mit Entlastung zu tun.

Wie könnten solche Vereinbarungen aussehen?

Bestenfalls regelt man Prozesse wie Technikeinführung, Technikauswahl und die Evaluation über Kollektivverträge. Es gibt Branchen, die haben die Digitalisierung bereits in den Kollektivverträgen verankert. Dort ist festgehalten, wie Betriebsräte bei der Technikeinführung mitwirken und wie die Qualifizierungsplanung der Beschäftigten umgesetzt wird. Bei Letzterem gibt es meist massive Probleme. Häufig werden nur wenige Schulungstermine angeboten, wenn beispielsweise eine neue Software angeschafft wird. Fachkräfte, die an diesen Terminen keine Zeit haben, schauen durch die Finger. Für sie muss dann das Team im Arbeitsprozess die Schulung übernehmen, was natürlich zu einer Mehrbelastung führt. Solche Erneuerungen könnte man auch strukturierter gestalten. Dafür braucht es entsprechende Regelungen in den Kollektivverträgen und Betriebsräte, die in der Lage sind, den Prozess der Technikeinführung mitzugestalten und somit negativen Folgen für die Beschäftigten entgegenzuwirken. Im Gegensatz zu Deutschland hat Österreich einen Kollektivvertrag für Pflegekräfte. Die Etablierung solcher Regelungen wäre in Österreich somit weitaus einfacher. Ebenso muss bereits in der Ausbildung angesetzt werden und veranschaulicht werden, welche Technologien es gibt, welche Kompetenzen hier erforderlich sind, wie man die Versorgung auch technikgestützt verbessern und wie man sich selbst technikgestützt den Arbeitsplatz gestalten kann. Und es braucht Strukturen für den Erfahrungsaustausch zwischen den Pflegeeinrichtungen. Dazu gehört dann auch eine Wirkungsmessung, damit nicht ab-strakt von einer großen Vielfalt in der Technik geredet wird, sondern konkret aufgezeigt wird, unter welchen Bedingungen bestimmte technische Lösungen einen Mehrwert bringen. Vor allem, ob sie tatsächlich entlasten. Außerdem darf all das nicht in der Freizeit passieren, sondern innerhalb der Arbeitszeit.

Glauben Sie, dass die Digitalisierung den Pflegeberuf attraktiver machen könnte?

Wir wissen aus unseren Studien, dass Pflegekräfte, entgegen der vorherrschenden Meinung, überhaupt nicht technikavers sind. Sie sind aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie ihnen auch in der täglichen Arbeit nutzen. Etwa dann, wenn die Dokumentation leichter wird oder eine zusätzliche Sicherheit bei Frühwarnsystemen gegeben ist. Vor allem müssen sie aber spüren, dass etwa soziale Robotik ihren Job nicht ersetzen kann und auch künftig nicht ersetzen wird. Der Zusatznutzen muss erfahrbar sein. Wenn man das klar macht, ist das eine Chance, um das Berufsfeld Pflege für die nächsten Generationen attraktiver zu machen.

Birgt die Digitalisierung Datenschutz-Risiken?

Für die Beschäftigten und die Pflegeversicherten ist ein großes Thema, wo die Daten gespeichert werden und wer Zugriff hat. Es ist wichtig, über die Entwicklung eigenständiger Systeme nachzudenken, um den Zugriff von internationalen Großkonzernen zu regulieren und den Datenschutz bei betrieblichen Projekten ernst zu nehmen.

Kann Digitalisierung die häusliche Pflege unterstützen?

Die häusliche Pflege ist leider ein ungeregelter Bereich, in dem Menschen teilweise 24 Stunden im Einsatz sind, es keine systematische Arbeitszeiterfassung oder Pausenregelungen gibt. Vielleicht kann technikgestützte Arbeitszeiterfassung hier sinnvoll sein. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, dass etwa Kommunikations-Apps für pflegende Angehörige auch im Hilfsmittelkatalog der Krankenversicherung aufscheinen. Es kann nicht sein, dass so etwas nur aus privaten Mitteln finanziert werden muss. Wenn es einen Mehrwert hat, dann muss es auch eine Refinanzierung der Krankenkasse geben.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Printausgabe der "Digitalen Republik" am 18. Dezember 2019, ein Verlagsprodukt aus der Content Production der "Wiener Zeitung".