"Jeder sagt, ihr macht‘s einen tollen Job, ich könnte das nicht", sagt Susanne Müllner. Und: "Wir haben keine Gewinne, machen keine Milliarden Umsätze. Wir kosten nur Geld. Wir haben keine Lobby. Oder sollen unsere Klienten aufstehen und sagen, dass wir mehr verdienen? Das können sie nicht." Müllner ist Heimhilfe in einem Pflegeheim im 23. Bezirk. Heute erntet sie Applaus ihrer Kolleginnen der Caritas Socialis dafür, dass sie beim Warnstreik im Büro in der Ungargasse klar und deutlich sagt, warum sie die Forderung der Gewerkschaften in der Sozialwirtschaft nach einer 35- statt 38-Stunden-Woche unterstützt.

Die CS Caritas Socialis ist einer von 200 Betrieben österreichweit, wo an diesem Tag Warnstreiks stattfinden. Im Büro am Vormittag gibt es einen lockeren Austausch, eine Frau zeigt auf, wartet geduldig, bis sie mit ihrem Statement an der Reihe ist. Das alles bei Obstkuchen in Form einer 35, Kaffee, dann einem 35-Stunden-Quiz und dabei viel Gelächter. Am Nachmittag haben die Gewerkschaften Vida und GPA djp darüber hinaus eine Kundgebung vor dem Sozialministerium organisiert, um der Forderung für die 125.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der privaten Sozialwirtschaft mit Reden, Trillerpfeifen und markigen Transparenten Nachdruck zu verleihen. Rund 1000 waren mit dabei.

35 Beschäftigte setzten sich bei der Caritas Socialis für die 35-Stunden-Woche ein. - © Martina Madner
35 Beschäftigte setzten sich bei der Caritas Socialis für die 35-Stunden-Woche ein. - © Martina Madner

Der "tolle" Job

Schon im Büro der Caritas Socialis sagt Müllner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", es geht ihr darum, ein "echtes" Bild von ihrer Arbeit zu zeichnen: "Weil das Bild von unserem Beruf im Fernsehen – der Sozialminister beim Kaffeetrinken mit drei netten älteren Damen oder vom Kanzler beim Kartenspielen im Sommer – einfach nicht stimmt. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir sehen die Basis darunter: Menschen mit Pflegestufe 5, 6 und 7."

Das Kaffeetrinken sieht in der Praxis häufig so aus: Die Heimhilfe hebt für den älteren Menschen die Tasse auf; unterstützt ihn dabei, sie mit der Hand zum Mund zu führen; wartet darauf, bis er einen Schluck getrunken hat. "Sonst würde manche Tasse einfach unberührt am Tisch stehen bleiben. Das dauert einfach länger, vor allem bei Alzheimer- oder Demenzerkrankten", erzählt die Heimhilfe. Von Kartenspielen sei oft überhaupt keine Rede, das können nur mehr wenige. Demenzkranke gar nicht. Manche laufen den ganzen Tag herum, sagen immer und immer wieder nur ein Wort, "das muss man erst mal aushalten".

Müllner tut es, spricht von Erfahrung, die es brauche, demente Menschen zu verstehen. Wenn jemand Stein sagt und sich auf die Brust zeigt, kann das ein Hinweis auf Schmerzen sein. Es sind Hinweise, die Pflegekräfte verstehen, weil sie die Menschen Tag für Tag bei Alltäglichem begleiten. Ältere Menschen im Pflegeheim brauchen Unterstützung beim Essen, beim Anziehen, beim Ausscheiden. "Über Inkontinenz wird überhaupt nie gesprochen. Manche können das Ausscheiden aber nicht mehr immer kontrollieren, manche wissen nicht mehr, was sie damit tun, um es vorsichtig zu formulieren. Und jemand muss es wegmachen", sagt sie.

Immer mehr Menschen würden zu Hause gepflegt, was die Heimhilfe für diese sehr begrüßt. Ihre Arbeit aber macht es nicht einfacher: "Zu uns kommen die Leute erst, wenn es zu Hause wirklich gar nicht mehr geht."

10 Euro mehr reichen nicht

Unter den 35, die heute zum Warnstreik gekommen sind, ein Symbol für die 35 Stunden übrigens, wie Streikleiterin Elwira Schlesinger schon tags zuvor gesagt hat, ist auch Fabio Testasecca. Er arbeitet in einem Tageszentrum, wo rund 30 Demenzerkrankte täglich acht Stunden ihres Tages verbringen. Er hat überschlagen, was die 2,35 Prozent Gehaltsplus, die die Arbeitgebervertreter derzeit anbieten, für ihn bedeuten: "10 Euro netto mehr im Monat ist ihnen unsere Arbeit wert, wenn man die Inflation von 1,62 Prozent und die kalte Progression abzieht." Und: "Ich kann ohne Auto, ohne Handy leben, es geht aber doch besser mit", sagt er und erntet Gelächter der anderen. "Wir sind immer im Hintergrund, wir brauchen echte Anerkennung – auch finanziell", sagt er auch – dafür gibt es Applaus.