Die Daten zur Situation in der Pflege liegen nun wieder gesammelt auf dem Tisch: Der Rechnungshof prüfte die Zweckmäßigkeit, das Angebot und die Kosten von Pflegedienstleistungen. Es zeigen sich große Unterschiede von Bundesland zu Bundesland, sowohl in der Versorgung als auch bei den Kosten.

In Kärnten liegen die Gesamtkosten pro Pflegegeldbeziehendem bei 15.000 Euro jährlich, in Wien dagegen bei 22.000 Euro - also einmal weit über, einmal aber weit unter dem österreichischen Durchschnitt von 17.400 Euro. Der Befund des Rechnungshofs: "Bund und Länder agieren unkoordiniert."

Und: "Österreich ist auf die demografischen Veränderungen in Bezug auf Pflege nicht ausreichend vorbereitet." Ein gutes Drittel der Pflegebedürftigen wird in privaten Haushalten versorgt, meistens durch Angehörige im Alter von 50 bis 64 Jahren. Das ist noch möglich, weil auf eine Person über 80, die häufig Pflege benötigt, heute vier 50- bis 64-Jährige kommen. "Bis zum Jahr 2060 wird sich dieses Verhältnis drastisch verändern", heißt es vonseiten des Rechnungshofs: Dann sind es nur mehr 1,6 Personen, die eine über 80-jährige pflegebedürftige Person versorgen könnten. Der Schluss des Rechnungshofs: "Das Pflegeangebot muss deutlich erweitert werden."

Jedes Bundesland arbeitet anders

"Qualitätsvolle Pflege ermöglicht ein Leben in Würde. Daher soll jeder Mensch, der sie benötigt, die bestmögliche Pflege erhalten", beteuern ÖVP und Grüne in ihrem Regierungsprogramm. 7,9 Milliarden Euro wurden dafür laut Rechnungshof 2016 aufgewendet: 2,9 Milliarden Euro bezahlte der Bund, 2,1 Milliarden Bundesländer und Gemeinden, 2,9 Milliarden bezahlten Pflegebedürftige und ihre Angehörigen selbst.

Was damit finanziert wird, ist von Bundesland zu Bundesland enorm unterschiedlich: In Salzburg wurden zum Beispiel 19 Prozent jener, die ein Pflegegeld bezogen, stationär, also in Pflegeheimen, versorgt; in Niederösterreich aber nur zehn, durchschnittlich 14 Prozent. Inklusive von Pensionistenwohnheimen und Alternativen wie betreuten Wohngemeinschaften liegt Wien mit 21 Prozent außerhäuslicher Pflege deutlich über dem Durchschnitt von dann 16 Prozent.

Die Versorgung mit Pflegeheimplätzen ist in manchen Regionen Österreichs fast sechsmal so hoch wie in anderen: Während etwa im Bezirk Graz-Umgebung ein Pflegeheimplatz für rund drei Personen ab 80 Jahren zur Verfügung stand, gab es im Bezirk Krems-Land für rund 17 Personen dieser Altersgruppe nur einen Pflegeheimplatz.

Das Land Niederösterreich gab zu bedenken, dass die unterschiedlichen Angebote "in starker Wechselwirkung zueinander" stünden. In Niederösterreich verfügen sieben Prozent der Pflegegeldbeziehenden über eine 24-Stunden-Betreuung; im Burgenland ist diese mit zehn Prozent am häufigsten, in Wien mit drei Prozent am seltensten, durchschnittlich sind es fünf Prozent.

Klar ist aber: Ein "österreichweites systematisches Vorgehen", so wie es der Rechnungshof einfordert, gibt es derzeit nicht.

Kosten unterscheiden sich stark

Die durchschnittlichen Kosten im Pflegeheim weichen laut Rechnungshof außerdem stark voneinander ab. Während sie in Kärnten und Salzburg bei rund 90 Euro pro Tag, die eine Person 2016 in einem Pflegeheim verbrachte, lagen, kostete das in Wien 223 Euro - also fast zweieinhalbmal so viel. Teils liegt das an unterschiedlichen Berechnungsmethoden, teils an den unterschiedlichen - in Wien etwa deutlich höheren - Pflegestufen, die die Menschen im Pflegeheim hatten.

Wesentlich sind aber auch Unterschiede in der Personalausstattung und den Leistungen. In Wien gibt es zum Beispiel weit häufiger ärztliche Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Der Rechnungshof-Vergleich eines Musterheims mit 71 Betten zeigte außerdem, dass die Mindestpersonalausstattung dafür in Wien 46 Personen vorsieht, im Burgenland aber nur 22. Außerdem gibt es in Wien mehr Plätze im betreuten Wohnen im Vergleich zu Pflegeheimplätzen. Um Personalunterschiede und Leistungen bereinigt, reduzieren sich die Wiener Kosten auf 161 Euro pro Tag zu dann 91 Euro bei den Kärntnern. Alle 78.000 Heimplätze österreichweit auf das Wiener Niveau anzugleichen würde jedenfalls 3,7 Milliarden Euro Mehrkosten verursachen.

Die Empfehlung für Wien lautete, Angebote und Personal zu evaluieren, jene für alle Akteure darüber hinaus: aberösterreichweite Richtlinien schaffen.

Sozialminister spricht von "170-seitigem Aufschrei"

Sozialminister Rudolf Anschober sagt, dass er sich über den Bericht "freut": "Der Bericht ist in meinen Augen ein 170 seitiger Aufschrei", er sei aber auch "Rückenwind für die Gesamtreform der Pflege". Ihm gehe es um "Sicherheit der Menschen", jene die heute bereits Pflege brauchen, aber auch für die dann 600.000 Menschen, die 2030 älter als 75 Jahre alt sind, für deren Pflege 76.000 zusätzliche Mitarbeiter notwendig sind.

"Der Bericht ist in meinen Augen ein 170-seitiger Aufschrei", sagt Sozialminister Rudolf Anschober. - © apa/Herbert Neubauer
"Der Bericht ist in meinen Augen ein 170-seitiger Aufschrei", sagt Sozialminister Rudolf Anschober. - © apa/Herbert Neubauer

Deshalb werde man die Ausbildung verbessern und auf die 35.000 Pflegekräfte zugehen, die derzeit in anderen Berufen arbeiten. Dazu will Anschober bis April die Dialogtour fortsetzen; dann eine Task Force einsetzen, die eine Pflegereform erarbeitet. Im Dezember folge eine Zielsteuerungskommission nach Vorbild des Gesundheitswesens für koordiniertes Vorgehen und um Qualitätsstandards weiterzuentwickeln, mit Ländern, Institutionen, Betroffenen und auch mit Kritikern.

Denn: "Ja, es ist eine Herkulesaufgabe, aber wenn wir die gemeinsame Arbeit durch eine verfassungsrechtliche Korrektur erzwingen, würden wir viel mehr Zeit verlieren. Ich möchte durch gemeinsames Arbeiten unsere gemeinsamen Ziele erreichen."