Der 88. Geburtstag kam um zwei Tage zu früh. Die Familie aus Wien-Hernals musste am Samstag noch getrennt über einen Gartenzaun des Hauses Alszeile hinweg mit der betagten Mutter und Oma im Rollator feiern. Am Montag wurden in Wien die Seniorenheime wieder für Besuche der Angehörigen - mit Auflagen wie vorheriger Anmeldung - geöffnet. Die Tochter ist stolz, wie die 88-jährige Mama die sieben Wochen, während der sie wegen der Corona-Krise keine Angehörige empfangen durfte, durchgestanden hat: "Sie hat das sehr vernünftig und ohne Raunzen gemacht." Gleichzeitig hält sie es für richtig, dass die Heime zum Schutz der Bewohner abgeschirmt worden sind: "Das war perfekt gemacht."

Auf einer Parkbank beim Dornbacher Friedhof unweit des Heimeingangs hat sich am Montagnachmittag eine andere Tochter mit ihrer Mutter niedergesetzt. Die ältere Frau ist mit Gehstock, Hut und Übergangsmantel zum Spaziergang aufgebrochen. Die vergangenen Wochen waren hart für beide: "Wir haben uns nur durch die Glasscheibe zugewunken", sagt die Tochter. Das erste wirkliche Treffen seit langem genießen beide. Der Tochter ist das am strahlenden Gesicht abzulesen. "Sie hat sich schon sehr gefreut", sagt sie über die Mutter.

Vorsichtige Begrüßungen

"Endlich draußen", gluckst wenig später eine andere Frau vor dem Eingang zum Haus Alszeile. Sie wartet mit dem Enkelsohn auf dessen Opa. Ein Schild zeigt an, dass sich auf den Bänken ein "Plauder Platzl" befindet, die in den Heimen des Fonds Soziales Wien für Angehörige und Heimbewohner eingerichtet worden sind. Die Frau breitet die Arme aus, um den auf einen Rollator gestützten Mann in Empfang zu nehmen. Dieser winkt aber ab und will aus Vorsicht nicht die Hände schütteln oder den Teenager-Enkelsohn begrüßen.

Die Hernalserin, die zuletzt mit der Mutter Geburtstag über den Zaun hinweg begangen hat, hat Verständnis dafür, dass andere Angehörige das Wiedersehen gar nicht mehr erwarten können. "Ich habe es nicht so eilig", sagt sie. Denn sie könne sich die Zeit für einen Besuch leichter einteilen und "Schlupflöcher" im Terminplan für Besuche nützen.

Ohne vorherige Anmeldung geht nichts. Das müssen manche, die sich auch in anderen Wiener Heimen kurzfristig zu einem Rendezvous mit einem Angehörigen entschließen, zur Kenntnis nehmen. Ein Security-Bediensteter sorgt beim Eingang dafür, dass notfalls alle Vorschriften eingehalten werden.

Im Haus der Barmherzigkeit im Nachbarbezirk Ottakring werden Besucher erst ab dem 11. Mai zugelassen. Der Grund ist, dass für Pflegekrankenhäuser wie hier strengere Vorschriften gelten. Fünf Bewohner, die positiv auf das Coronavirus getestet worden sind, werden in einer Quarantänestation gesondert betreut. Der Ausbruch der Infektion ist herausfordernd für Heimbetreiber und der Albtraum für Regierungsmitglieder wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober. In den vergangenen Wochen hat es in der Steiermark in Pensionistenheimen besonders viele Tote gegeben.

Besuchstermine für Angehörige werden am Vormittag und Nachmittag verteilt - auch im Haus am Maurer Berg in Liesing. Besucherplätze sind wie auch in Ottakring bei Schönwetter im Freien eingerichtet.

Zustimmung bei Angehörigen

Während sonst bundesweit Unzufriedene zunehmend über die Ausgangsbeschränkungen zu murren begonnen haben, waren sich viele Angehörige von Heimbewohnern bewusst, dass die Abschottung der Gesundheit und Sicherheit dient. "Die Angehörigen haben volles Verständnis", erzählt Christine Pinggera vom Haus der Barmherzigkeit. Vier Häuser werden in Niederösterreich betrieben, in Wiener Neustadt, Kirchstetten im Tullnerfeld, im Poysdorf im Weinviertel und in der kleinen Stadt Horn am Übergang zum Waldviertel. Dort steht die Öffnung der Pflegehäuser erst am Donnerstag dieser Woche auf dem Kalender.