Seit Beginn dieser Woche liegt der Bericht einer Arbeitsgruppe für die von der türkis-grünen Bundesregierung angestrebten Pflegereform vor. Sozialminister Rudolf Anschober (Grüne) stellte am Donnerstag klar, dass Sofortmaßnahmen noch heuer umgesetzt würden. Vor allem die Beratung für Angehörige und bessere Unterstützung für 24-Stunden-Betreuerinnen werden rasch umgesetzt. Eine "Totalreform" im Pflegebereich hält er nicht für notwendig.

Der Sozialminister wird nun Gespräche mit Bundesländern, Städten und Gemeinden über die Pflegereform aufnehmen. Neben Sofortmaßnahmen ist eine Zielsteuerungskommission für längerfristige Reformen im Pflegebereich vorgesehen. "Es wird ein Reformprozess der Weiterentwicklung, nicht der Totalreform", sagte Anschober bei einer Pressekonferenz nach der Vorlage des Berichts der Arbeitsgruppe. Wie die "Wiener Zeitung" berichtet hat, sollen vor allem die Pflege durch Angehörige und die Pflege zu Hause ausgebaut und besser unterstützt sowie die Pflegeleistungen bundesweit vereinheitlicht werden. Die Finanzierung soll gebündelt werden.

Umfangreiche Personal- statt "Pseudoreform"


Markus Mattersberger, Präsident von "Lebenswelt Heim", einem Bundesverband von 650 Einrichtungen mit insgesamt rund 40.000 Mitarbeitenden "reicht das nicht aus". Die pflegenden Angehörigen seien zwar massiv belastet, die Reform müsse aber in allen Bereichen greifen, auch der mobilen und der stationären Pflege. "In dem einen Jahr Pandemie sind Systemschwächen wie unter dem Brennglas" sichtbarer geworden, stellt Michaela Schrumpf, Regionaldirektorin Obersteiermark und Salzburg der Senecura Kliniken und Heime fest. "Die Personalsituation, die fehlende Vergleichbarkeit der Systeme in den Bundesländern, die fehlende genaue Definition der Qualität und damit der Erwartungen, die man an Heime haben kann. Die Problematik der Hausarztsituation, das ist ein wichtiger Part, der uns wegbricht. Die Multiprofessionalität, zum Beispiel sind Hygienefachkräfte in Pflegeheimen nicht in allen Bundesländern vorgesehen", zählt Mattersberger die Probleme auf.
Schon heute könne der Personalbedarf in Heimen nicht gedeckt werden, mit Pensionierungen und einer zugleich höheren Lebenserwartung und damit steigendem Pflegebedarf, wird der Mangel noch deutlicher spürbar. Laut Bedarfserhebung der Gesundheitsökonomie der Sozialversicherung werden im Jahr 2030 75.600 zusätzliche Vollzeit-Arbeitsstellen in der Pflege benötigt, 19.100 davon mit einem Diplom oder Bachelorstudienabschluss. Weil in der Pflege viele Teilzeit arbeiten, werden wohl 100.000 Personen bis 2030 gesucht.

"Eine Pseudoreform, um zu sagen, wir haben es reformiert, ist zu wenig", sagt Mattersberger. "Das Personal und die Ausbildung müssen oberste Priorität haben." Schrumpf wünscht sich, dass mit "Missverständnisse und Mythen aufgeräumt wird: Das Seniorenheim ist ein guter Arbeitsplatz, ein guter Ort zu lernen, wir bieten viele hochqualifizierte Arbeitsplätze."

24-Stunden-Betreuung verbessern

Rasche Verbesserungen wird die Bundesregierung allerdings laut Anschober nichts desto trotz bei der 24-Stunden-Betreuung, die vor allem durch ausländische Pflegekräfte gesichert wird, in Angriff nehmen. Die gut 60.000 aktiven 24-Stunden-Pflegekräfte werden durch die Volkshilfe Oberösterreich unterstützt, in Oberösterreich gab es bereits ein Pilotprojekt. Konkret wird die Volkshilfe Oberösterreich Anlaufstelle für Pflegerinnen und Betreuerinnen sein, um Hilfe bei Sprachkursen und bei der Integration durch eigene Cafes sein. Die Situation bei der Betreuung daheim ist durch die Corona-Situation seit Monaten angespannt. Laut Volkshilfe Oberösterreich sei die Zahl der Betreuerinnen bei der 24-Stunden-Pflege im Vorjahr sogar um drei Prozent zurückgegangen.

Zweiter Schwerpunkte der Sofortmaßnahmen ist der Ausbau der Beratungen von Angehörigen, die derzeit mehr als 70 Prozent der Pflege tragen. In Österreich gibt es rund 460.000 Bezieher von Pflegegeld. Die verstärkte Beratung für Angehörige betrifft insbesondere Fragen der Pflege und Betreuung von Demenzkranken. Auch dieser Punkt ist zentral im 40-Seiten-Bericht der Arbeitsgruppe zur Pflege.

"Dass der Minister jetzt eine Priorisierungen setzen muss ist klar", äußert Jakob Kabas, Obmann des Landesverbandes Altenpflege Steiermark Verständnis für die ersten Schwerpunkte. Er sagt aber auch, dass die Reform mehr braucht:  "Wir werden nicht umhinkommen, den gesamten Katalog im Taskforcebericht, vom Rechnungshof und der seit 1993 anstehenden 16 Reform-Punkte abarbeiten zu müssen."