Begeisterung sieht anders aus. Die Grünen ermöglichten es Sozialminister Johannes Rauch, mit einer im Nationalrat einberufenen Aktuellen Stunde nochmals die Pflegereform auszuloben. Neben Geld für die Pflegekräfte im Beruf und finanziellen Anreizen während der Ausbildung, der Überführung der Schulversuche in reguläre Schulen, soll auch eine Lehre für Assistenzberufe in der Pflege geschaffen werden - für einen "Beruf, der Freude macht, der erfüllen kann" (O-Ton Sozialminister Rauch).

"Ich weiß, das ist ein strittiges Thema", sagt der Minister im Nationalrat auch. Neos-Abgeordnete Julia Seidl hält sich im Nationalrat mit Kritik nicht zurück: "Das Echo aus der Praxis ist nicht gerade großartig, trotzdem haben Sie diese schlechte Idee behalten. Da hören fünf Jahre nach dem Abschluss 20 Prozent wieder auf. Und: Wer soll sich denn um diese Lehrlinge kümmern, wer soll sie ausbilden?"

Rauch bittet sie und die anderen Abgeordneten: "Geben Sie der Pflegelehre eine Chance. Kritisieren Sie sie dann, wenn wir Erfahrung in den Modellregionen haben." Die Lehre funktioniere auch in anderen Ländern: "Sie wird auch in Österreich funktionieren." Wie und warum genau, erklärt Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP) aus Rauchs Herkunftsbundesland Vorarlberg, das unbedingt Modellregion für die Lehre werden will, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Hohe Belastung und Unterschiede zur Schweiz

Treibende Kraft hinter der Pflegelehre, die auch im türkis-grünen Koalitionsabkommen verankert ist, waren aber Volkspartei, die Wirtschaftskammer und Ex-ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, die "Wiener Zeitung" berichtete. Auch die FPÖ begrüßt die Idee einer Lehre im Nationalrat, weil sie seit Jahren eine solche fordern, als einzigen Punkt der Reform zu dem sich die Regierung "endlich dazu durchgerungen hat" (O-Ton FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch).

Wie von den Neos gibt es von der SPÖ und der Arbeiterkammer weiterhin Kritik. Silvia Rosoli, Juristin und Leiterin der Abteilung Pflegepolitik in der AK Wien, sagt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Umfragen unter den Pflegekräften zeigen uns, dass die psychischen Belastungen bei Jüngeren, weil sie noch weniger Lebenserfahrung haben, um damit umzugehen, größer sind."

Eine Studie des "European Centre for Social Welfare Policy and Research" zeigt, dass die Beschäftigten unter 25 Jahren zu einem Drittel überdurchschnittlich oft von psychischen Belastungen berichten. "Wir verheizen mit der Lehre junge Menschen, die damit für die Pflege verloren gehen könnten", befürchtet Kai Leichsenring, der Leiter des Instituts deshalb. Eine Umfrage unter Beschäftigten in Pflegeberufen zeigte, dass die Pandemie das noch verschärft hat. Mehr als zwei Drittel sagten, dass sie an depressiver Verstimmung leiden, "die Jungen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren wieder mehr als die Älteren", sagt Rosoli. "Darum ist es ein Wahnsinn, Menschen mit 15 Jahren in so eine Lehre zu schicken."

Das Schweizer System sei nicht mit einer Lehre in Österreich vergleichbar, weil die Pflegelehre dort der einzige Weg in den Beruf sei, die Lehre dort ein höheres Ansehen habe und mehr Geld in die Lehrausbildung investiert werde. "Und trotzdem ist die Lehre dort vor allem ein Zubringer zu anderen Berufen und Ausbildungen. Nur ein Viertel arbeitet fünf Jahre nach der Ausbildung noch im erlernten Beruf. Die Engagiertesten wechseln in andere Branchen", kritisiert sie. Sowohl Leichsenring als auch Rosoli sehen außerdem in der Lehre auch eine Zusatzbelastung der gehobenen Pflegekräfte, die Lehrlinge ausbilden müssten.

Elisabeth Potzmann, Präsidentin des österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, sieht in der Lehre "keinen Mehrwert": "Der Flaschenhals sind nicht die Ausbildungsplätze, sondern genügend Bewerberinnen dafür zu finden."

Bindung an den Beruf von Beginn an

Die Vorarlberger Landesrätin Rüscher will all diese Bedenken ausräumen: In Vorarlberg haben Lehrberufe bereits heute ein hohes Ansehen, das Verhältnis Lehrabschluss zu Matura liege bei Vorarlbergs Jugendlichen bei 50 zu 50, österreichweit bei 60 zu 40 Prozent. Die Lehre zum Gesundheitsfachmann oder -frau gehöre in der Schweiz zu den drei beliebtesten Lehren.

"Wir wollen das Argument mit dem Alter sehr ernst nehmen, werden das im Curriculum berücksichtigen, 15-Jährige nicht gleich mit einer Palliativsituation konfrontieren." Sterbesituationen oder solche mit Erkrankten, wo Heilung nicht möglich ist, sollen also älteren Auszubildenden vorbehalten bleiben.

Ihr Kollege in Salzburg, Christian Stöckl, spricht gegenüber der "Wiener Zeitung" überhaupt nur von einer theoretischen Ausbildung am Beginn. Er stellt sich zwar nicht gegen die Lehre: "Wir sollten alle Wege, die in die Berufe führen nutzen, es ist gut, wenn Vorarlberg einen diese Lehre im Pilot ausprobiert." Stöckl sagt aber auch: "Meine Priorität liegt auf den neuen schulischen Ausbildungen."

Die dreijährige Pflegeassistenzlehre und die vierjährige zur Pflegefachassistenz sei eine "triale Ausbildung", wirft Rüscher dagegen ein. Zur Theorie und Praxis käme "die Bindung an ein Stammhaus von Beginn an". Es brauche auch keine Überbrückungsausbildungen mehr, für die Gesundheits- und Krankenpflegeschulen musste man zumindest 17 Jahre alt sein. "Jedes Jahr Warten ist in diesem Alter eine große Hürde. Das können wir uns gerade in diesem Beruf nicht leisten."

Für die Pflegekräfte, die ausbilden oder auch Praktika anleiten, habe ihre Kollegin, Landesrätin Katharina Wiesflecker von den Grünen, gerade bessere Personalschlüssel im Wert von fünf Millionen Euro jährlich verabschiedet. "Unser Konzept sieht vor, dass Ausbilden auch bei der Lehre honoriert wird und dass diese Zeit im Stellenplan abgebildet ist." Im Stadtspital in Dornbirn sei es bereits heute so, dass das Personal für eine Person, die Praktika leite, um eine weitere verstärkt werde.

Wie geht es weiter? Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) und Sozialminister Rauch werden den Rahmen für die Lehre für Assistenzberufe in der Pflege ausverhandeln. Die notwendige Gesundheits- und Krankengesetznovelle will die Regierung noch heuer beschließen. Mit den genauen Inhalten und der Lehrlingsentschädigung - 1.500 Euro sollen es im vierten Lehrjahr werden - müssen sich aber auch die Kollektivvertragspartner, also Wirtschaftskammer und Gewerkschaften, befassen. Erst dann kann es mit dem Pilotprojekten losgehen.