Derzeit läuft alles zu Lasten der Familien und Betreuerinnen." Helmut Lutz, Geschäftsführer bei Malteser Care, wendet sich via "Wiener Zeitung" händeringend an Bundesregierung und die Öffentlichkeit. ÖVP und Grüne haben zwar im Mai erste Schritte für eine Pflegereform mit vorerst nur angekündigtem Zusatzgehalt und der Einführung einer Pflegelehre in die Wege geleitet. Bei der 24-Stunden-Betreuung, bei der zehntausende Menschen rund um die Uhr daheim betreut werden, herrscht allerdings Funkstille.

- © apa / Helmuth Fohringer
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Die wichtigste Forderung an die Regierung lautet: die seit 2007 unveränderte Förderung des Bundes von 550 Euro müsse "mindestens" auf 1.100 Euro verdoppelt werden. Damit sich Betroffene beziehungsweise deren Angehörige diese Form der Betreuung weiter leisten können.

Der mahnende Weckruf von Lutz wird von Christoph Lipinski, der in der Dienstleistungsgewerkschaft Vidaflex für eine neue Plattform zur Vermittlung zwischen Betreuerinnen und Familien verantwortlich ist, fast wortident unterstützt. Seit Mittwoch ist diese Vida-Plattform für Betreuerinnen nach intensiven Vorarbeiten seit Juni online. Sie wurde vor allem auch ins Leben gerufen, um unseriösen, ausbeuterischen Agenturen das Wasser abzugraben.

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Knapp 1.000 Anbieter für Rund-um-die-Uhr-Hilfe

In Österreich gibt es knapp 1,000 Anbieter, nur rund 40 sind - wie etwa Malteser Care - mit einem Qualitätszertifikat ausgestattet. Ohne höherer Förderung könnten sich aber rund 30.000 Familien die 24-Stunden-Betreuung nicht mehr leisten. Die Folge sei, dass Pflegebedürftige in Heime müssten, was mit höheren Kosten verbunden sei, sofern es überhaupt einem Heimplatz gibt.

Von Sozialminister Johannes Rauch (Grüne) und ÖVP-Klubobmann Sozialsprecher August Wöginger waren Anfang Mai bei der Präsentation der Pflegereform in der Folge Gespräche zur 24-Stunden-Betreuung in Aussicht gestellt worden. Nachfragen seit Mittwoch im Sozialministerium blieben vorerst unbeantwortet.

Zwar werden nur fünf bis sieben Prozent der knapp 500.000 Pflegebedürftigen in Österreich von großteils ausländischen Betreuerinnen versorgt. Aber auch in diesem Bereich spitzt sich die Lage wie generell im Pflegesektor zu. Daran ist nicht zuletzt die Teuerung Schuld. Höhere Treibstoffpreise machen eine Beschäftigung ausländischer Pflegekräfte in Österreich unattraktiver. Deswegen werden von der Vida-Betreuungsplattform für Betreuerinnen Ausgleichszahlungen für diese angeregt.

Lipinski macht darüber hinaus die von der ÖVP-FPÖ-Regierung eingeführte und inzwischen vom Europäischen Gerichtshof gekippte indexierte Familienbeihilfe für die Verschärfung der Misere mitverantwortlich. Diese geht an ausländische Beschäftigte in Österreich, deren Familien zu Hause bleiben und wurde nach der Kaufkraft im jeweiligen Heimatland bezahlt. Die Indexierung machte die Arbeit in Österreich für Osteuropäierinnen finanziell unter dem Strich uninteressanter. Was Betroffene und Angehörige betrifft, so würden manche Anbieter 2.200 bis 2.300 Euro an Extrakosten verlangen, heißt es in der Vida. In einem Fall einer Alleinerzieherin in Wien-Landstraße seien es sogar 4.300 Euro gewesen. Weil Angehörige vielfach in einer "Ausnahmesituation" seien, müssten sie darauf eingehen.

Bei der Vida-Plattform werden Verträge direkt zwischen Angehörigen und Betreuerinnen ohne zwischengeschaltete Agenturen vermittelt. Zudem wird kontrolliert, ob bei der praktischen Umsetzung bei der Betreuung in den eigenen vier Wänden alles passt.

Malteser Care schlägt öffentlich Alarm, weil es von Regierungsseite für die 24-Stunden-Betreuung seit dem Frühjahr keine zusätzliche Information gegeben habe. Gleichzeitig haben die Anbieter zunehmende Schwierigkeiten, genügend Personal zu finden. Mit dem Personalmangel kämpfen akut bereits die Pflegeheime und mobilen Dienste, weshalb etwa gar nicht alle Betten in Heimen belegt werden können. "Wir sehen, dass die Personenbetreuerinnen zunehmend ausbleiben", warnt Geschäftsführer Lutz.

Übereinstimmend wird als ein Grund dafür genannt, dass in der Slowakei, aber auch im benachbarten Ungarn das Lohnniveau in diesem Bereich stark gestiegen sei. Dazu komme wachsende Konkurrenz: selbst Norwegen suche Pflegekräfte, biete aber teils ein doppelt so hohes Entgelt. Rumänische Pflegekräfte würden außerdem im Sommer auch zu Hause in der Landwirtschaft als Arbeitskräfte benötigt.

Mit dem Aufschrei im Bereich der 24-Stunden-Betreuung steigt der Druck trotz der eingeleiteten Pflegereform. Auch da hapert es bei der Umsetzung der Vorhaben. So müssen Pflegekräfte zumindest bis Dezember warten, bis sie das von ÖVP und Grünen versprochene Zusatzgehalt für das heurige Jahr auf dem Konto haben werden. Die Koalition möchte damit 2022 und 2023 Pflegeberufe attraktiver machen.