The Rolling Stones: Tattoo You

Ironischerweise eine Resteverwertung von aufpolierten alten Demos und Outtakes, da Jagger und Richards mal wieder eine Beziehungskrise durchmachten und kein neues Material schreiben konnten, war "Tattoo You" die letzte künstlerisch und kommer-ziell bedeutsame Platte der Rolling Stones. Die "Glimmer Twins", so das Pseudonym, das sich Mick Jagger und Keith Richards in der Rolle als Produzenten gaben, waren aber Vollprofis und verpassten den teils zehn Jahre alten musikalischen Skizzen neue Vocal-Tracks, Gitarrenspuren und generell einen Sound, der exakt die Mitte zwischen Hochglanz und rauem Rock traf.

Und dann war da dieses eine Riff, mit dem das Album beginnt, und zwar jenes zu "Start Me Up". Ein Riff, das bis heute ganze Fußballstadien zum Kochen bringt, sobald es ertönt. Ein Riff, so sexy und leicht versaut wie die Lyrics ("You make a dead man cum ..."). Es war der letzte Welthit der Stones - und die Platte war ihre letzte, die in den US-Albumcharts auf Nummer 1 kletterte.

Prince: Controversy

Apropos Rolling Stones: 1981 war Mick Jagger auf einen aufstrebenden jungen Künstler aus Minneapolis aufmerksam geworden, der (wie Jagger) gerne im Falsett funkige Songs sang und (wie Jagger) mit sexueller Ambiguität spielte. Die Stones engagierten Prince, ihre 1981er-Tour in den USA für sie zu eröffnen, doch die Stones-Fans buhten den in Reizwäsche auftretenden Musiker von der Bühne, beschimpften ihn als "Schwuchtel" und bewarfen ihn mit schon vor der Show leer gesoffenen Schnapsflaschen.

Wider althergebrachte Normen: Prince auf dem "Controversy"-Cover (Ausschnitt), 1981. 
- © Warner Music

Wider althergebrachte Normen: Prince auf dem "Controversy"-Cover (Ausschnitt), 1981.

- © Warner Music

Es war nicht das Publikum, das die Songs des gerade erschienen Prince-Albums "Controversy" zu schätzen wusste. Songs, die sexuelle Freiheit jenseits althergebrachter Normen einforderten ("People call me rude, I wish we all were nude / I wish there was no black or white, I wish there were no rules") und einen, nun ja, leichten Hass auf christliche Sexualmoral und weißen Rassismus erahnen ließen ("Annie Christian"). "Controversy", drei Jahre vor seinem weltweiten Durchbruch mit "Purple Rain" veröffentlicht, zeigt einen technisch bereits ausgereiften Musiker der Weltklasse mit Hirn, der sogar einen Rockabilly-Song mit dem Titel "Jack U Off" singen kann, ohne dass es peinlich wäre.

John Cale: Honi Soit

Nach sechs Jahren Pause kehrte das einstige Gründungsmitglied der Velvet Underground ins Studio zurück und spielte mit einer jungen Punkrock-Band dieses mitreißende Album ein, das so klingt, als hätte Cale all den Post-Punk- und New-Wave-Bands, von denen er etliche produziert hatte, zeigen wollen, wer beide Genres eigentlich erfunden hatte - und daher immer noch der Chef war, wenn es darum ging, nackte (Auto-)Aggression mit treibendem Rock ’n’ Roll, Ausflügen ins Atonale und Melodien von Weltklasse zu vermischen.

"Honi Soit" klingt wie Bruce Springsteen während eines psychotischen Schubs, wie Patti Smith auf Speed und Acid, wie ein Liebeskind, das aus einem One-Night-Stand zwischen den Sex Pistols und den frühen Talking Heads entstanden ist.

Steve Nicks: Bella Donna

Nicks war längst mit Fleetwood Mac zu Weltruhm gelangt, als sie 1981 tat, was seit den frühen 70er Jahren guter alter Rockstarbrauch war: Sie veröffentlichte ein Soloalbum. Auf "Bella Donna" spielte sie alle Asse aus, die sie im Ärmel hatte, als da waren: diese einzigartige Stimme, die zwischen zärtlicher Ballade und hochenergetischem Unter-Strom-Rock mühelos hin- und herpendeln kann; Melodien, die vom einsamen Trucker bis zur Kunststudentin alle in ihren Bann ziehen können; Texte, die vage genug sind, um nicht anzuecken, aber tiefer gehen, als es zunächst den Anschein hat.

Höhepunkt dieser an guten Stellen nicht armen Platte ist wohl "Edge Of Seventeen", Nicks’ sehr persönlicher, vor einem treibenden Rock-Disco-Beat vorgetragener Klagegesang über den Tod ihres geliebten Onkels und John Lennons, die beide in derselben Woche starben. "Bella Donna" war ein Monster-Erfolg und überdies für viele Musikerinnen eine musikalische wie auch feministische Inspiration.

Grace Jones: Nightclubbing

Hippiekommunen in den 1960ern, die Model- und frühe LGTBQ-Szene im Paris der 70er Jahre, Studio 54 in New York, Filmrollen neben Arnold Schwarzenegger, eine Musikkarriere der Extraklasse - Grace Jones war bei all dem dabei. Das war der Tochter christlicher Fundamentalisten aus Jamaika nicht in die Wiege gelegt, das hat sie sich alles hart erarbeiten und vor allem trauen müssen. Ende der 70er Jahre konnte sie dank ihrer guten und außergewöhnlichen Stimme einen Plattenvertrag bei Island Records landen, aber ihre ersten drei Alben stießen auf wenig Interesse. Es war generischer Disco-Sound mit Versionen diverser alter Hits. Auf der Bühne jedoch war Jones’ Show pure bisexuelle Magie, was ihr dann auch den Titel "Queen of the Gay Discos" einbrachte.

Island-Boss Chris Blackwell sah sie live und merkte, dass er es mit einer Künstlerin zu tun hatte. Er schuf ihr eine Umgebung mit Top-Studiomusikern, die ihre Ideen ernst nahmen, statt sie als "unmusikalisches Model" abzutun, und heraus kam eines der besten und einflussreichsten Alben der 80er Jahre. Zusammen mit dem Drummer Sly Dunbar und dem Bassisten Robbie Shakespeare, dem vielleicht besten Rhythmus-Duo der Popgeschichte, schuf Jones nicht nur eine der besten Dance-Scheiben aller Zeiten, sondern ein musikalisches Phänomen, das in seinem Einfluss auf spätere Acts allenfalls mit jenem von Velvet Underground vergleichbar war. "Nightclubbing" war eine musikalische Atombombe, nach der nichts mehr so war wie zuvor.

Robyn Hitchcock: Black Snake Diamond Röle

Nach dem Ende seiner frühen Neo-Psychedelic-Band The Soft Boys, die zwar kaum Platten verkaufte, aber unter anderem R.E.M. zu ihren Fans zählte, nahm Ex-Frontman Robyn Hitchcock sein erstes Soloalbum auf. Und ja, die Musik klingt ein wenig wie der bizarre Titel. Abgesehen vom überraschend radiotauglichen und poppigen Opener "The Man Who Invented Himself" ist "Black Snake Diamond Röle" eine wilde Reise durch surreale, aber extrem clevere Texte und eine Musik, die man vielleicht am besten so beschreiben könnte: So hätte wohl Syd Barrett Anfang der 80er geklungen, wenn er nicht verrückt geworden wäre. Oder: So hätte fast jede Musik Anfang der 80er geklungen, hätte man LSD legal in der Apotheke kaufen können.

Aber Hitchcock war und ist bis heute viel mehr als ein Außenseiter am äußeren Flügel des Alternative Rock. Er ist ungeheuer intelligent und witzig, was man an Songs wie "Do Policemen Sing?" hören kann. Lustiger und dennoch fundamentaler wurden Cops nie zuvor und nie danach in einem Rocksong kritisiert. Und Hitchcock ist auch kein dummer Kerl, der Menschen in Kämpfe schickt, die sie nicht gewinnen können, weshalb er warnt: "Never argue with a Rozzer / Never show him insolence, confidence / ’Cause who supplies the evidence? / Not your mother or your lover / Or your best friend’s dog."

Neil Young & Crazy Horse: Re-ac-tor

1981 war in Neil Youngs Leben so viel schiefgegangen, dass er darauf in der einzigen ihm bekannten Weise reagierte: Alkohol, Koks und Valium nehmen und LAUTE Musik machen. Ironischerweise druckte Young auf die Rückseite des Covers einen Auszug aus dem berühmten "Gelassenheitsgebet" von Reinhold Niebuhr, das zum Motto der Anonymen Alkoholiker wurde ("Gott, gib mit die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden"). Und weil Neil Young Neil Young ist, druckte er das Gedicht in fehlerhaftem Latein ab. "Re-ac-tor" macht keine Gefangenen. Das ist der vom Punk angefixte Rock ’n’ Roll in seiner pursten Form, auch textlich ("So you stay up all night, getting fucked up in that Rock ’n’ Roll bar / But you never get tired ’cause your drugs are in a little jar"). Der über neun Minuten lange Song "T-Bone" hat insgesamt diesen Text: "Got mashed potatoes, ain’t got no T-Bone." Immer und immer wieder wiederholt vor einem Gebirge verzerrter elektrischer Gitarren.

Auf dem treibenden "Southern Pacific" kann Young nicht verbergen, welch hübsche Melodien er schreiben kann, und das countryeske "Motor City" wirkt wie eine Parodie auf "Made in the USA"-Patriotismus, ist aber bitter ernst gemeint. Ein Nervenzusammenbruch, eingefangen auf einer Langspielplatte. Großartig.

The Kinks: Give The People What They Want

Neben den Stones waren auch die Kinks, weitere Veteranen der 60er, 1981 "on fire". Diese Platte platzt schier vor rockiger Energie, vor einprägsamen Melodien und einigen der besten Texte in der Geschichte der Rockmusik. Wie Ray Davies hier in "Killer’s Eyes" den ehrlich geschockten Bekannten eines Serienkillers (oder Terroristen, das wird nicht klar) gibt, ist fast so groß wie die Rolle, die er in "Art Lover" spielt. Zu einer lieblichen Melodie hören wir das Bekenntnis eines Mannes, der gerne in den Park geht, um dort kleinen Mädchen beim Spielen zuzusehen.

Von Zeile zu Zeile deutet immer mehr auf einen Pädophilen hin, aber dann zerbombt Davies die Erwartungen und es stellt sich heraus, dass der vermeintliche "Kinderschänder" nur ein Vater ist, der es emotional schlecht verarbeiten kann, einen Sorgerechtsprozess um seine Tochter verloren zu haben - und der in den spielenden Kindern das sieht, was ihm, so sagt er, vom Gericht genommen wurde.

Phil Collins: Face Value

Manche Menschen meiner Generation halten Phil Collins für den Antichristen, weil er in den 80er und ganz frühen 90 Jahren so präsent war wie der Teufel in der Hölle. Keine 20 Minuten eines beliebigen Pop-Radiosenders vergingen, ohne dass die neueste Collins- oder Genesis-Schnulze gespielt wurde.

All das ist wahr, aber das macht Phil Collins zu keinem schlechten Musiker. Und dieses erste Soloalbum ist, ich schreibe das ungern, gut. Sehr gut sogar. Und einflussreich! Und außerdem: "In The Air Tonight" und Phils Version von "Tomorrow Never Knows" sind gute Songs. Kreuzigt mich!

Motörhead: No Sleep ’til Hammersmith

Das erste Live-Album der Scheißdrauf-Jackiecola-Speed-Partie und das einzige, das man braucht. Aber dieses kann man dafür immer wieder brauchen. Die Frau / der Mann ist weg? Diese Platte auflegen! Job verloren? Diese Platte LAUT spielen! Und so weiter und so fort. Lemmy, nimm hinweg den Schmerz dieser Welt!