Wien. Die schlechte Nachricht gleich vorweg: Den größten Andrang verzeichnet die Wiener Scheidungsanwältin Susanna Perl-Böck nach Weihnachten und den Sommerferien. Die Konfrontation abseits des Berufsalltags mit dem Partner scheint immer mehr kriselnden Ehen den Todesstoß zu geben. Die Gesamtscheidungsrate an sich - und das ist die gute Nachricht - ist allerdings seit ihrem Höchstwert von 49,5 Prozent 2007 laut Statistik Austria rückläufig, nur im Vorjahr gab es wieder eine minimale Steigerung. 2017 lag die Wahrscheinlichkeit, mit der eine geschlossene Ehe durch eine Scheidung endet, bei 41 Prozent, 2016 bei 40,5 Prozent. Die mittlere Ehedauer der geschiedenen Ehen verlängerte sich zwischen 1981 und 2017 von 7,7 auf 10,7 Jahre.

Die Obsorge- und Kontaktrechtsverfahren würden allerdings zunehmend härter geführt, sagt Perl-Böck im Interview mit der "Wiener Zeitung" - meist zulasten der Kinder. In der Kanzlei in der Inneren Stadt, die sie mit dem Scheidungsanwalt Clemens Gärner führt, liegen daher bereits im Empfangsraum Taschentücher in Schachteln in dezentem Grau für die Beteiligten bereit.

"Wiener Zeitung": Sie vertreten seit fast zehn Jahren Parteien im Ehe- und Familienrecht. Inwieweit machen sich Paare Ihrer Erfahrung nach schon bei der Eheschließung Gedanken darüber, wie zum Beispiel das Vermögen aufgeteilt wird, wenn die Ehe nicht klappt?

Susanna Perl-Böck: Im Vorfeld machen sich die wenigsten Gedanken darüber. Die meisten sagen: Meine Ehe hält ewig. Vor allem, wenn die Vermögensverhältnisse sehr unterschiedlich sind, würde es aber schon Sinn machen, wenn man einen Ehevertrag abschließt. Egal, ob man heiratet oder sich scheiden lässt, ist es wichtig, sich rechtzeitig über seine Rechte und Pflichten zu informieren.

Sind, falls es doch zur Scheidung kommt, eher die Frauen oder die Männer die treibende Kraft?

Männer lassen sich meistens erst dann scheiden, wenn sie jemand anderen haben. Die Frauen haben oft länger einen größeren Leidensdruck, aber wenn sie einmal entschieden haben, dass es jetzt nicht mehr weitergeht, dann ziehen sie das durch - auch, wenn es unbequem ist. Die Männer sind da ein bisschen bequemer. Solange nicht eine neue Frau dahintersteht und Druck macht, harren Männer in der bequemen Situation länger aus.

88 Prozent aller Scheidungen werden einvernehmlich vollzogen (die Ehe muss seit mehr als sechs Monaten unheilbar zerrüttet sein, Anm.) - das ist eine leichte Steigerung gegenüber den Vorjahren. Bedeutet einvernehmlich automatisch nervenschonender?