Wien. Der Verfasser ist nicht nur Praktiker als Rechtsanwalt, Funktionär, Hochschullehrer und Sachbuchautor, Abgeordneter im Nationalrat, Redner, abstrakter Maler, sondern vor allem auch Wissenschafter. Als vielfacher Autor ist er ebenfalls in der Fachwelt bekannt. Nun brachte Alfred J. Noll den Essay "Wie das Recht in die Welt kommt" heraus, in dem er sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Menschen von Beginn an ihre Rechtsordnung entwickelten. Er schildert mit großer Sachkenntnis und seinem beeindruckenden Sprachkunstwerk, wie und warum wir intensiv um unser Rechtssystem gerungen haben und ringen.

Noll gelingt Networking mit allen verstorbenen Geistesgrößen und interpretiert sie noch für uns. In diesem ersten Teil zeigt er die Entwicklung des Rechts im Wandel der Geschichte auf, bedingt durch die jeweiligen historischen Ereignisse. Und er verspricht uns einen zweiten Teil, in dem es um die Themen und Institutionen geht, die die Neuzeit prägen: Verfassung, Eigentum, Vertrag, Sicherheit, Strafe und Demokratie.

Alternative zum Spezialistentum

Wichtig ist ihm die Feststellung, dass er den Stoff aus zweiter respektive dritter Hand geschöpft hat, und es sich daher um keine wissenschaftliche Arbeit handelt. Die unzähligen Quellen, derer er sich bedient, legt er nach jedem Kapitel offen. Für uns Anwälte erinnert er sich an seinen und auch meinen Lehrer Theo Mayer-Maly und dessen Vision einer Alternative zum Spezialistentum: "Was wir brauchen, ist eine Jurisprudenz, die auf das Recht als Ganzes sieht - eine enzyklopädische Jurisprudenz." Noll schließt sein Buch mit den Worten "ein Anlauf". Ich schätze diese Arbeit nicht als einen analytischen, sondern impressionistischen Essay ein, der uns in lockerer Weise daran erinnert, was wir zum Teil (fast) vergessen haben.

Noll beginnt mit der Entwicklung des Rechts bei den Griechen, vergisst dabei aber nicht, dass schon vor den Griechen das "frühe Recht" ein Ergebnis mündlicher Kommunikation war. Das älteste Gesetz ist der Codex Ur-Nammu, circa 2100 v. Chr. Es ist im Auftrag des ersten Herrschers entstanden, von dem man weiß, dass er sich selbst als Gesetzgeber bezeichnet hat. Soweit bekannt ist, behandeln die ersten Gesetze inhaltlich Kapitalverbrechen, und der Komplex des Schuldrechts fehlt fast völlig. Nach Entstehung der zehn Gebote im 7. Jahrhundert v. Chr., wonach Gott persönlich die Tafeln und die Schrift geschaffen hat, entwickeln sich die römischen zwölf Tafelgesetze 449 v. Chr., und es gibt viele (widersprechende) Berichte wie zum Beispiel von Livius.

Nikolaus Lehner ist seit mehr als 40 Jahren Anwalt in Wien für Litigation PR und Beratung von Künstlern; in der Folge Kurator für Ausstellungen sowie Kommentator für Aktuelles in Kultur und Politik. - © privat
Nikolaus Lehner ist seit mehr als 40 Jahren Anwalt in Wien für Litigation PR und Beratung von Künstlern; in der Folge Kurator für Ausstellungen sowie Kommentator für Aktuelles in Kultur und Politik. - © privat