Ihren - ungewöhnlichen - Höhepunkt erreichte diese Entwicklung in den vergangenen Wochen: Anlass war eine Studie der Arbeiterkammer (AK) Wien; diese sandte an die börsennotierten österreichischen Unternehmen einen umfangreichen Fragebogen zur Umsetzung des NaDiVeG. Der - medial breitgetretene - Aufschrei durch die Unternehmen, im Konkreten in Form von Industriellenvereinigung (IV) und Aktienforum, ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Man zeigt sich "befremdet", die AK würde sich hier als Aufsichtsbehörde gebärden, hieß es. So würde nur Misstrauen geschürt. Und vor allem: "Die österreichischen börsennotierten Unternehmen erfüllen sämtliche gesetzlich vorgeschriebenen Berichtspflichten, insbesondere auch die nichtfinanzielle Berichterstattung sowie deren Veröffentlichung." Niemand solle daher an der Befragung teilnehmen, so wurde es über eine österreichische Tageszeitung kommuniziert. Der soziale Friede sei vielmehr gefährdet, und dem Vernehmen nach hat sogar manch sogenannter "Leitbetrieb" angekündigt, als Revanche die AK-Wahlen zu boykottieren.

Die Reaktion überrascht nicht nur in seiner Unsachlichkeit und Schärfe, sie findet auch in den zuvor aufgezeigten Fakten zur bisherigen Praxis der berichtspflichtigen Unternehmen keine Deckung. Diese Fakten legen vielmehr entgegen der (naturgemäßen) Auffassung von IV und Aktienforum nahe, dass es sich doch lohnt, genauer zu hinterfragen, was Unternehmen in ihre nichtfinanziellen Berichte schreiben. Es drängt sich daher der Eindruck auf, dass hier in einem besonderen Maße Nervosität seitens der berichtspflichtigen Unternehmen und ihrer Vertreter Ausdruck findet. Und nicht zuletzt ihrer zuvor genannten Berater und Prüfer, für die es um mindestens ebenso viel geht und die an der geschilderten Reaktion im Hintergrund nicht unbeteiligt waren.

Kritisches Nachfragen
kann sich (vielfach) lohnen

Welche waren nun die kritischen Fragen der AK? Es wurde zum Beispiel zur Prüfung der Berichterstattung durch den Aufsichtsrat gefragt (der besonders in der Pflicht steht), zur Einbindung von Prüfern und Beratern in den Prozess (und ob deren Vergütung dafür angemessen ist), zur Gestaltung der Wesentlichkeitsanalyse und zum Dialog mit den Stakeholdern. Oder, wie die Berichtsinhalte ins Controlling integriert werden.

Wenig, das man direkt aus den Berichten lesen kann, aber allesamt entscheidende Faktoren, die über die Qualität und damit Verlässlichkeit und Aussagekraft dieser Berichte bestimmen. Also darüber, ob damit nur reine Öffentlichkeitsarbeit beziehungsweise "Greenwashing" (einem Unternehmen ein umweltfreundliches Image verleihen, Anm.) betrieben wird, oder ob Unternehmen ernsthaft und ehrlich über ihren Umgang mit Nachhaltigkeitsthemen berichten und diese managen.

Man kann an die Ziele einer nichtfinanziellen Berichterstattung glauben oder nicht: Nämlich, dass so soziale und ökologische Erfolgsgrößen als Ergänzung zum ökonomischen Gewinn stärkere Beachtung finden können und Unternehmen dadurch gezwungen sind, differenzierter über die Auswirkungen ihres Tuns nachzudenken. Ganz im Sinne des bewährten Mechanismus "Name and Shame", der auch verhaltensändernd wirken soll. Für fast alle regulatorischen Initiativen unter dem Titel der "Sustainable Finance", die gegenwärtig intensiv diskutiert werden, spielen diese Berichte und vor allem deren Qualität jedoch eine große Rolle. Womit nichts weniger angestrebt wird als eine teilweise Neuausrichtung der (europäischen) Finanzwirtschaft. Insofern ist es positiv, dass nun Druck in Richtung der diesbezüglichen Unternehmenspflichten merkbar wird.