Das bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass man sich einer Reformdiskussion zum Wettbewerbsrecht verschließen sollte. Neben einer möglichen Erweiterung des Entscheidungsspielraums der Wettbewerbsbehörden bei der Berücksichtigung sich wandelnder Märkte wäre auch eine stärkere Betonung volkswirtschaftlicher und möglicherweise wohlfahrtsökonomischer positiver Auswirkungen anzudenken. Darunter könnten weitergehende Erleichterungen bei der Übernahme von insolventen oder kurz vor der Insolvenz stehender Unternehmen fallen (Ausweitung der "Sanierungsfusion"). Ein solcher Meinungsbildungsprozess sollte durchaus auch auf nationaler Ebene aus Kohärenzgründen geführt werden.

Konkret zur Idee der Schaffung von europäischen Champions wären dabei unter anderem folgende Fragen zu beantworten: Welche "Größe" sollte relevant sein? Sollte es auf das Vorliegen schierer Marktmacht/Finanzkraft ankommen oder vielmehr auf den Umfang von Innovationskraft? Inwiefern wäre die Idee von europäischen Champions mit dem Ziel eines funktionierenden Binnenmarkts vereinbar, das in Artikel 3 des Vertrages über die Arbeitsweise der EU festgeschrieben ist? Würde in realpolitischer Hinsicht durch eine Ratsentscheidung nicht ein weiterer Nährboden für nationale Partikularinteressen geschaffen (wäre etwa die Schaffung eines europäischen Champions mit Sitz in Deutschland im Interesse aller anderen Mitgliedstaaten)? Und zu guter Letzt: Hat die Politik aus der vergangenen Finanzkrise die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen, dass Unternehmen, die "too big to fail" sind, ein systemisches Risiko mit sich bringen können?

Sofern am Ende eines solchen Meinungsbildungsprozesses Neuerungen des Wettbewerbsrechts stehen, sollten diese unseres Erachtens jedoch nicht durch den Rat der EU "über den Kopf der Kommission hinweg" angewendet werden. Vielmehr sollte das europäische Wettbewerbsrecht weiterhin von den zuständigen Behörden und Gerichten vollzogen werden. Sowohl auf EU- als auch nationaler Ebene (wie auch in Österreich) bestehen spezialisierte und qualifizierte Wettbewerbsbehörden und Gerichte. An deren alleiniger Zuständigkeit sollte nicht gerüttelt werden. Eine Präferenz dafür ließ selbst der deutsche Wirtschaftsminister Altmaier zuletzt auf der Internationalen Kartellkonferenz des Bundeskartellamtes in Berlin erkennen.