Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, eine unabhängige Plattform für Legal Tech.
Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, eine unabhängige Plattform für Legal Tech.

Die Digitalisierung ist hier, um zu bleiben. Wird es zu dem Showdown Mensch gegen Maschine kommen? Wir wissen es nicht, aber gerade im Legal-Tech-Bereich ist es erstrebenswert, sich das Beste aus den unterschiedlichen Welten zu holen. Aber was ist das Beste? Könnte es sein, dass Maschinen in manchen Fällen ganz stur und ohne Unterbrechung faktenbasierte Subsumtionen fällen? Hier eine Anregung aus der Wissenschaft zum eigenen Nachdenken in der Sommerpause, wann und wo der Einsatz von Legal Tech relevant sein könnte: Die Studie des Forscherteams der israelischen Ben Gurion Universität unter der Führung von Shai Danziger in Kooperation mit Jonathan Levav von der New Yorker Columbia University ergibt (publiziert in PNAS, online), dass hungrige Richter härtere Urteile sprechen als satte.

Wie gingen die Wirtschaftspsychologen vor? Um versteckte Einflussgrößen bei Justizentscheidungen zu entdecken, untersuchten die Wirtschaftspsychologen 1112 Urteile, die acht verschiedene Richter zweier israelischer Gerichtshöfe in 50 Verhandlungstagen fällten. Mit immer der gleichen Frage: ob Häftlinge auf Bewährung freigelassen oder Auflagen erlassen werden. Das Resultat ist ernüchternd. Alle Richter beschieden zu Beginn eines Sitzungstages 65 Prozent der Anträge positiv, dann aber urteilten Sie zunehmend ablehnend, bis sie schließlich jedes Gesuch ablehnten. Nach einer Frühstückspause am Vormittag und dem Mittagessen wiederholte sich dieses Muster: Die Gerichtssitzungen begannen wiederum mit etwa 65 Prozent Zustimmungsraten und sanken dann kontinuierlich ab. Dieses Muster bestätigte sich bei jedem Richter an jedem Verhandlungstag (dabei wurde ausgeschlossen, dass andere Variablen für diesen Ablauf verantwortlich sein könnten, zum Beispiel eine nach bestimmten Kriterien organisierte Reihenfolge der verhandelten Gerichtsfälle).

Auch wenn diese Studie schon ein bisschen älter ist, dieses Ergebnis ist auch für Menschen, die an eine rationale Prozessführung glauben, ernüchternd.

Die Universitätsprofessoren vermuten, dass eben auch Richter bei zunehmender geistiger Erschöpfung für den Status quo votieren, weil das am wenigsten Anstrengung bedeutet (in Anlehnung an die allgemeine Forschungslage).

Was bedeutet das? Es ist wohl sehr wahrscheinlich, dass auch Experten anderer juristischer/professioneller Bereiche ähnliche Verhaltensmuster zeigen, wenn sie in Reihe über wichtige Dinge entscheiden müssten, etwa in der Gesetzgebung, bei Vertragsanalysen, der Zusammenfassung großer Datenmengen et cetera. Das wissen wir auch unbewusst. Studien wie diese können uns allerdings zum Nachdenken anregen, wie und wo wir Technologien einsetzen können, um solche "Leistungsabstürze" mit teilweise großen Konsequenzen verringern zu können.

Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, eine unabhängige Plattform für Legal Tech.

Bis Ende dieses Jahres erscheint an dieser Stelle jeden letzten Freitag im Monat eine Kolumne eines Experten der Plattform Future-Law zum Thema Legal Tech.

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