Wenn die kommunalen Budgets angespannt sind, fehlt es am Geld für so manche zusätzliche Maßnahme - gerade auch im Bereich der Daseinsvorsorge oder Infrastruktur. Erfahrungen aus dem angloamerikanischen Raum zeigen, dass private Lösungen oft zu teureren bis hin zu exklusiven Angeboten führen. Welchen Beitrag leisten Genossenschaften in unseren Breiten?

Genossenschaften erhielten ihren rechtlichen Rahmen im 19. Jahrhundert ausdrücklich mit der Auflage, der Förderung der Wirtschaft und des Erwerbes ihrer Mitglieder zu dienen. Denn sie sollten keine Tätigkeiten auf politischem Terrain entfalten. Gleichwohl trugen sie zur Lösung einer "sozialen Frage" bei, indem sie den Menschen dazu verhalfen, nicht verdorbene Lebensmittel, gesunden Wohnraum, aber auch Zahlungsmittel im Voraus (Kredit) erhalten und sich "leisten" zu können.

Bürgerschaftliches Engagement

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozial-politische Themen spezialisiert. privat
Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozial-politische Themen spezialisiert. privat

Als Rechtsform für bürgerschaftliches Engagement im Bereich von zum Beispiel Bildung, Kultur, Sport oder auch Wissenschaft wurde die Genossenschaft im deutschsprachigen Raum erst nach der Einführung der Europäischen Genossenschaft (SCE: Societas Cooperativa Europaea) als Rechtsform entdeckt. Denn in die SCE ging auch das romanische Genossenschaftsverständnis ein, so etwa bei der Förderung im Bereich sozialer oder kultureller Aktivitäten. Dies wurde in das deutsche und österreichische Genossenschaftsgesetz (2006) übernommen.

Mit der SCE-Verordnung erweiterte sich die Genossenschaft auf der einen Seite um kapitalgesellschaftliche Elemente wie die investierenden Mitglieder oder ein festes Mindestkapital. Auf der anderen Seite bietet sie sich zum Beispiel für Tätigkeiten an, für die schon jetzt der Verein zur Verfügung steht, der in diesen Tätigkeitsfeldern zumeist auch steuerlich als gemeinnützig anerkannt ist.

Demzufolge überrascht es einerseits nicht, wenn immer mehr Wünsche an den Einsatz von Genossenschaften herangetragen werden. Andererseits tendiert die Praxis zu "reinen" Lösungen und wechseln Genossenschaften in die Aktiengesellschaft beziehungsweise wird der Verein im sozialen Bereich bevorzugt.

Dies kann dazu führen, dass die Genossenschaft durch das scheinbar breitere Spektrum ihrer Möglichkeiten tatsächlich an Anwendungsattraktivität verliert, weil ihr Profil unschärfer geworden ist.

Denn um ihren genossenschaftlichen - sozial ausgleichenden - Beitrag zu entfalten und nicht selbst zum Beispiel im Zuge einer Umwandlung verloren zu gehen, brauchen Genossenschaften heute ein Verständnis, das von den ursprünglichen - zeitgenössisch liberalen - Vorstellungen abweicht. Dieses Verständnis hatte in Österreich den Vorteil mit sich gebracht, dass das Genossenschaftsgesetz (GenG) einen deutlich größeren Gestaltungsspielraum bietet als etwa das verwandte deutsche GenG.