Hans Kelsen, oft auch "Vater der Bundesverfassung" genannt, beschrieb den Midasgriff des Rechts. Er vertrat, dass alles, was das Recht berührt, zu Recht wird, dass es also - im Umkehrschluss - nichts gibt, das sich dieser Wandlung durch das Recht entziehen kann.

Doch wie macht das Recht das? Nur die Sprache vermag es, dem Recht eine Gestalt, ein Antlitz zu geben. Es ist unbestritten die Sprache, die das Recht für uns wahrnehmbar macht und zudem auch Ordnung in unsere Gedanken bringt. Recht wird gesprochen. Recht wird kundgemacht. Es ist auch die Sprache, die uns an die Grenzen unseres Weltverständnisses bringt und uns Auslegungsprobleme aufzeigt.

Einigung auch auf die Bedeutung von Begriffen

Daniel Leisser ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik. Er studierte Anglistik, Amerikanistik und Geschichte sowie Rechtswissenschaften. Sein Interesse gilt unter anderem der Angewandten Rechtslinguistik und der Rolle sprachlicher Unbestimmtheit im Strafverfahren. Robert Wählt
Daniel Leisser ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik. Er studierte Anglistik, Amerikanistik und Geschichte sowie Rechtswissenschaften. Sein Interesse gilt unter anderem der Angewandten Rechtslinguistik und der Rolle sprachlicher Unbestimmtheit im Strafverfahren. Robert Wählt

Bedenken Sie folgendes Beispiel: Eine Verwandte hinterlässt eine Notiz auf dem Küchentisch. Darauf ist zu lesen: "Die Hälfte der Nachspeise gehört dir." Sie öffnen den Kühlschrank und finden darin ein Stück Sachertorte und einen mittelgroßen Vanillepudding. Es bleibt unklar, welches der beiden Desserts Sie richtig als "Nachspeise" kontextualisieren, halbieren und nun guten Gewissens essen dürfen. Wie auch immer diese Situation ausgeht, Sprache und Recht haben eine wesentliche Eigenschaft gemeinsam: Beide Systeme funktionieren nicht ohne kulturelle Konventionalisierungsprozesse.

Man muss sich also auch auf die Bedeutung von Begriffen einigen, um an Kommunikation mit Mitmenschen teilhaben zu können. Solche Gedankenspiele zur kontextabhängigen Unbestimmtheit der Sprache verleiten Leser schon in der eigenen Muttersprache zu amüsanten Auslegungsergebnissen. Was aber, wenn Sie nun das Wort Nachspeise mit all seinen verschiedenen Nebenbedeutungen und Begleitvorstellungen in 24 andere Sprachen übersetzen müssen?

Artikel 22 der EU-Grundrechtecharta normiert: "Die Union achtet die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen." Artikel 3 des Vertrags über die Europäische Union legt fest: "[Die Union] wahrt den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt." In den frühen Jahren der EU zählten Deutsch, Französisch, Italienisch und Niederländisch zu den Amtssprachen, nun finden sich schon insgesamt 24 verschiedene Amtssprachen. Um Arbeitsabläufe effizient zu gestalten und babylonische Sprachenverwirrung zu vermeiden, besteht ein Dreisprachenregime aus drei Arbeitssprachen: dem Englischen, dem Französischen und dem Deutschen.

Mit dem absehbaren Austritt des Vereinigten Königreichs unter dem Right Honourable Boris Johnson sehen wir nun einer gewissermaßen paradox anmutenden Situation entgegen. Einerseits ist das Englische die zweifelsohne meistgesprochene Lingua franca des Planeten und auch der EU nach Sprechern. Was aber die Erstsprachen der Europäerinnen und Europäer betrifft, steht das Englische mit 13 Prozent Erstsprechern eindeutig hinter dem Deutschen (16 Prozent). In der Rechtssetzung spielt das Englische jedoch eine tragende Rolle, weil viele Rechtsvorschriften in einer - zumeist englischen - Sprachfassung entstehen und anschließend in andere Sprachfassungen übersetzt werden. Umberto Eco hatte also recht, wenn er die Übersetzung als "Sprache Europas" bezeichnete.