Der springende Punkt, wie er sich mir und vielen anderen darstellt, ist, dass bei der Auslegung verschiedener Sprachfassungen Unterschiede in Verständnis und Verwendung von Begriffen und Wortfolgen auftreten. Karin und Claus Luttermann schreiben beispielsweise: Rechtsanwender "können nicht allein auf die in ihrer Muttersprache veröffentlichte Sprachfassung vertrauen, sondern müssen sämtliche Fassungen vergleichen." Beispielhaft könnte man hier die Verwendung der Konstruktion "and/or" in englischen Rechstexten anführen, da das englische "or" wohl keineswegs immer die ausschließende Wirkung eines deutschen "oder" beziehungsweise französischen "ou" innehat:

"minimum requirements for the provision of safety and/or health signs at work"

"Mindestvorschriften für die Sicherheits- und/oder Gesundheitsschutzkennzeichnung am Arbeitsplatz"

"les prescriptions minimales pour la signalisation de sécurité et/ou de santé au travail"

Wie also umgehen mit interlinguistischen Divergenzen und Auslegungsfragen? Ist das Englische wirklich eine "Killersprache" (Luttermann), eine Bedrohung für andere europäische Sprachen? Welche Rolle soll die Vielfalt an Sprachen und (Rechts-)Kulturen im Europa des 21. Jahrhunderts spielen?

Ein wesentlicher Aspekt scheint hier die Verbindung von Sprache und (nationalen) Identitäten zu sein, da Sprache eben nicht nur ein bloßes Medium der Kommunikation ist. Nein, Sprache - und hier ist selbstverständlich die Rechtssprache miteingeschlossen - ist weit mehr als ein Werkzeug. Sprache schafft im Wege der Auslegung (Rechts-)Wirklichkeiten für Rechtsunterworfene, sie weist ihnen Rollen, Rechte und Pflichten und vieles mehr zu. Sie wird verstanden und - teils zum eigenen Nutzen oder Nachteil - missverstanden.

Rechtsvorschriften häufig
vom Englischen übersetzt

Das Englische spielt hier eine zentrale Rolle. Wie bereits angemerkt, wird die Vielzahl an Rechtsvorschriften häufig vom Englischen in andere Sprachfassungen übersetzt, wohlgemerkt von Menschen, die Englisch nicht als Erstsprache sprechen. Oft wird in diesem Kontext schnell dahingesagt: "Schlecht gesprochenes Englisch ist die wahre Weltsprache." So einfach ist es nicht, und wer bestimmt schon, was "gutes" und "schlechtes" Englisch ist? Wem gehört die englische Sprache in der EU und in der Welt?

Englisch ist eine Lingua franca, eine Verkehrssprache, die längst nicht mehr ihren Erstsprecherinnen und Erstsprechern gehört. Als Barbara Seidlhofer sich erstmals mit dem Englischen als Verkehrssprache auseinandersetzte, war der Widerstand unter ihren Kolleginnen und Kollegen wohl auch aus wissenschaftsstrategischen Überlegungen unrühmlich groß. Dieses Phänomen ist jungen Rechtslinguisten durchaus bekannt und steht in keinerlei Zusammenhang mit den tatsächlichen Leistungen der Wissenschafter. Wie Henry G. Widdowson schon 1994 in seinem Aufsatz "The Ownership of English" kritisch anmerkt: "Of course, English of a kind is found elsewhere as well, still spreading, a luxuriant growth from imperial seed. Seeded among other people but not ceded to them. At least not completely. For the English still cling tenaciously to their property and try to protect it from abuse." ("Natürlich gibt es auch anderswo Englisch, das sich immer noch ausbreitet, ein üppiges Wachstum aus imperialem Saatgut. Gesät unter anderen Menschen, aber nicht an sie abgetreten. Zumindest nicht ganz. Denn die Engländer halten immer noch hartnäckig an ihrem Eigentum fest und versuchen, es vor Missbrauch zu schützen.")