Die einen sehen darin ein wertvolles Hilfsmittel - die anderen warnen vor Fehlentscheidungen. Tatsache ist, dass man die Digitalisierung und auch die künstliche Intelligenz (KI) im Rechtsbereich vermutlich nicht aufhalten kann. In den USA setzt bereits eine der größten Kanzleien, BakerHostetler, das IT-System Ross von IBM in der Insolvenzabteilung ein, das Antworten auf juristische Fragen liefert. In London ließ man versuchsweise KI in hunderten Fällen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte urteilen. Mit 79 Prozent Wahrscheinlichkeit waren es richtige Entscheidungen im Sinne des Richters. Und selbst in der österreichischen Justiz kommen Digitalisierungswerkzeuge in ausgewählten Großverfahren testweise zum Einsatz, die bei der Vorarbeit wie dem Herausfiltern relevanter Daten helfen sollen.

- © adobe.stock/icedmocha
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Dass künftig zukunftssichere Rahmenbedingungen für KI geschaffen und eine Strategie entwickelt werden soll, ist auch im aktuellen Regierungsprogramm enthalten. Dabei geht es unter anderem um "notwendige Studien über geeignete Gestaltungs- und Einsatzkriterien", heißt es. Von den rund 6000 Anwälten in Österreich nutzt laut der Juristin Sophie Martinetz erst ein Bruchteil KI. Die Hintergründe beleuchten Martinetz und der Informatiker und Branchenkenner Clemens Wasner im Interview.

Sophie Martinetz ist Managing Partnerin von Future-Law, eine unabhängige Plattform für Legal Tech und Digitalisierung im Rechtsbereich. Zudem ist die Juristin Gründerin und Leiterin des Unternehmens Seinfeld Professionals, das u.a. den Anwälten von Northcote.Recht die Infrastruktur zur Verfügung stellt. - © Marlene Rahmann
Sophie Martinetz ist Managing Partnerin von Future-Law, eine unabhängige Plattform für Legal Tech und Digitalisierung im Rechtsbereich. Zudem ist die Juristin Gründerin und Leiterin des Unternehmens Seinfeld Professionals, das u.a. den Anwälten von Northcote.Recht die Infrastruktur zur Verfügung stellt. - © Marlene Rahmann

"Wiener Zeitung": Was unterscheidet Suchmaschinen von künstlicher Intelligenz?

Clemens Wasner: Suchmaschinen waren bis 2015 ausschließlich regelbasiert. Egal, welche Suche man getätigt hat: Es sind durchschnittlich 200 verschiedene Algorithmen gelaufen, die zum Beispiel geprüft haben, ob es sich um eine verstorbene oder lebende Person handelt. Früher wurden die Suchroutinen manuell hineinprogrammiert, was es dementsprechend unflexibel machte. Der große Unterschied zu KI in der heutigen Ausprägung ist vor allem, dass diese selbst die Gesetzmäßigkeit aus den Daten lernt. Das nennt man auch Deep Learning. Es stellt fest, wo die stärkste Korrelation zwischen Input und Output herrscht.

Clemens Wasner ist Geschäftsführer von EnliteAI, einem auf die Anwendung von künstlicher Intelligenz spezialisierten Unternehmen aus Wien. Zudem ist der Informatiker Gründer von AI Austria, einem unabhängigen Thinktank. Davor war er mehr als zehn Jahre lang in der internationalen Unternehmensberatung tätig. - © privat
Clemens Wasner ist Geschäftsführer von EnliteAI, einem auf die Anwendung von künstlicher Intelligenz spezialisierten Unternehmen aus Wien. Zudem ist der Informatiker Gründer von AI Austria, einem unabhängigen Thinktank. Davor war er mehr als zehn Jahre lang in der internationalen Unternehmensberatung tätig. - © privat

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Wasner:Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Million Bilder vor sich liegen. Diese haben lediglich eine Textbeschreibung, was sich im Bild befindet. Also zum Beispiel Glas, Hut, Sessel. Das Deep-Learning-System schaut nun, welche Bildpunktpartien innerhalb dieser Bilder die stärkste Korrelation mit der textuellen Beschreibung haben. Das passiert vollkommen ohne menschlichen Zugriff. Deswegen sagt man auch, dass diese Systeme aus Daten lernen. Damit ist eigentlich gemeint, dass sie diese Korrelationen bilden. Bei dem Begriff KI, der aus 1955 stammt, handelt es sich aber nicht um eine einzelne Methode. Er beschreibt eine Forschungsdisziplin.