Wo liegen nun die Grenzen, die dem Richter bei seiner Entscheidungsfindung gesetzt sind. Die Rechtswissenschaft und Rechtsprechung haben zwei Methoden der Rechtsfindung entwickelt, nämlich die Instrumente der Auslegung und Rechtsfortbildung.

Bei der Auslegung ist es die Aufgabe des Richters, der Intention des Gesetzgebers in der Rechtswirklichkeit Wirkung zu verleihen, soweit diese Absicht im Gesetz ihren Rückhalt findet.

Diffiziler ist die Frage der Rechtsfortbildung, zumal die Auslegung der Gesetze allgemein gültigen oder juristisch anerkannten Regeln folgt. Die Kompetenz des Richters, das Recht bei Gesetzeslücken fortzubilden, steht außer Streit. Es ist seine Pflicht, eine Gesetzeslücke zu füllen, da er es nicht ablehnen kann, ein Urteil zu sprechen, weil er keine Norm finde. Der Richterin und dem Richter kommt die Kompetenz zu, das Recht fortzuentwickeln und Lücken - beispielsweise durch Analogien - zu füllen.

In der zeitgenössischen rechtsphilosophischen Diskussion ist es unbestritten, dass der Richter in Ausnahmefällen eine Rechtsfortbildung auch praeter legem bewirken kann. Hier sei zum Verständnis auf die Gerechtigkeitsvorstellung einer gewandelten Gesellschaft verwiesen, da der größte Revolutionär des Rechts wohl der Wertewandel in der Gesellschaft ist, woraus für den rechtsphilosophisch denkenden Juristen eindeutig folgt, dass die Gesellschaft im Lauf der Zeit von vielem revolutioniert, aber nicht zur Revolution gebracht wird.

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