Die Webseiten österreichischer Behörden müssen ab 23. September 2020 barrierefrei sein. Ein Schritt, der die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen deutlich erhöhen wird. Unternehmen ziehen am besten schon jetzt mit.

Alle Seitenbetreiber, die ihre Webseiten nicht barrierefrei gestalten, verstoßen bereits heute gegen das Behindertengleichstellungsgesetz. Man sollte daher annehmen, dass Unternehmen und staatliche Institutionen das Thema "Barrierefreiheit im Netz" schon längst auf ihrer Agenda haben und Webseiten so programmiert werden, dass sie Menschen mit Einschränkungen in der Nutzung entgegenkommen. Immerhin betrifft das in Österreich laut einer Eurostat-Erhebung aus dem Jahr 2016 fast ein Drittel der österreichischen Bevölkerung.

Alexander Lehner ist zertifizierter Web-Accessibility-Experte bei TietoEVRY Austria. Als Web Developer begleitet er Behörden und Unternehmen bei der barrierefreien Gestaltung ihrer Webseiten gemäß des gesetzlich vorgegebenen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1-Standards. - © Markus Rössle
Alexander Lehner ist zertifizierter Web-Accessibility-Experte bei TietoEVRY Austria. Als Web Developer begleitet er Behörden und Unternehmen bei der barrierefreien Gestaltung ihrer Webseiten gemäß des gesetzlich vorgegebenen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1-Standards. - © Markus Rössle

Die Relevanz ist also faktisch und praktisch vorhanden, der Wunsch nach barrierefreiem Surfen ist da, und die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind gegeben. Dennoch erfüllen viele Webseiten des privaten, aber auch des öffentlichen Bereichs nicht die Standards, die laut Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) empfohlen werden. Der Grund: Das
Behindertengleichstellungsgesetz ermöglicht zwar, Seitenbetreiber bei Verfehlungen zu klagen, Betroffene müssen hier allerdings selbst aktiv werden. Denn bisher gab es keine Prüfung von offizieller Seite und nicht jeder hat Zeit, Energie und Geld, um als Privatperson den Klageweg zu beschreiten.

Barrierefreiheit wird für Behörden zum Muss

Dies ändert sich nun mit dem Web-Zugänglichkeits-Gesetz, das der österreichische Nationalrat basierend auf einer EU-Richtlinie im Sommer 2019 beschlossen hat. Zumindest für behördliche und staatsnahe Seiten. Neuere Webseiten müssen bereits seit September 2019 barrierefrei sein. Für Webseiten, die vor dem 23. September 2018 online gestellt wurden, gilt das Web-Zugänglichkeits-Gesetz ab 23. September 2020, für mobile Seiten und Anwendungen ab dem 23. Juni 2021.

Lebensqualität im Netz

Was wird sich dadurch ändern? Behördliche und staatsnahe Webseiten werden ab 23. September 2020 aktiv auf Barrierefreiheit geprüft und sind verpflichtet, den WCAG 2.1-Standard zu erfüllen. Durch die aktive Prüfung der Webseiten wird der Druck auf Seitenbetreiber größer, die Zugänglichkeit von Websieiten im behördlichen und staatsnahen Bereich wird erhöht, und das wird sich wiederum positiv auf die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen auswirken. Denn aus Studien ist bekannt, dass sie doppelt so viel Zeit im Internet verbringen wie nicht eingeschränkte Menschen. Das Web ist eine wichtige Basis, um Behördengänge, aber auch Erledigungen des täglichen Bedarfs virtuell abzuwickeln.

Die barrierefreie Gestaltung von Webseiten ist aber nicht nur für ihre Nutzerinnen und Nutzer bereichernd, sondern auch für Unternehmen. Möchte man Menschen mit Behinderungen erreichen und servicieren, ist "Web Accessibility" das Um und Auf. Jeder, der eine Webseite betreibt und Inhalte, Produkte oder Dienstleistungen darüber vermarkten will, sollte die
Nutzungsbedürfnisse von gut einem Drittel der Online-Surfer auf dem Schirm haben.

Zusätzlich gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass sich das Web-Zugänglichkeits-Gesetz zukünftig nicht nur auf Internet-Informationsangebote von Behörden und staatsnahen Institutionen beschränken, sondern auch auf jene von privatwirtschaftlichen Unternehmen ausweiten wird. Daher ist bereits jetzt ein guter Zeitpunkt, um die eigene Webseite unter die Lupe zu nehmen.

"Quick Check" für Behörden-, Unternehmens- und Privatseiten

Was macht nun eine barrierefreie Webseite, die dem gesetzlich vorgegebenen Standard entspricht, aus? Bei WCAG handelt es sich um einen internationalen Standard, der ähnlich dem bekannten Rating aus dem Finanzbereich, drei mögliche Kategorien vorgibt: A, AA und AAA. Das Web-Zugänglichkeits-Gesetz setzt die Erfüllung des WCAG 2.1-Standards (AA)
voraus. Ein einfaches Beispiel aus der Praxis soll die Unterschiede der drei Kategorien erklären: Ein Online-Video, das über Untertitel verfügt, fällt bereits in die Kategorie A. Von der Untertitelung ausgenommen sind Live-Streams. In der Kategorie AA müssen Seitenbetreiber nun auch Live-Videos untertiteln. Diesen Standard müssen zukünftig Behördenseiten erfüllen.
In der Kategorie AAA – der höchsten Konformitätsstufe – wird neben einem untertitelten Video auch ein Video in Gebärdensprache zur Verfügung gestellt.

Web Accessibility beinhaltet aber mehr als die Untertitelung von Videos. Sie zieht sich durch alle Schritte des Web-Designs und der Programmierung. Sie muss unterschiedliche Beeinträchtigungen und damit auch unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen. Für die gesetzeskonforme Umsetzung empfiehlt es sich, einen Umsetzungspartner ins Boot zu holen,
der über das Web Accessibility-Zertifikat verfügt und somit mit den WCAG-Richtlinien vertraut ist. Einzelne Anbieter, wie auch TietoEVRY Austria, bieten Behörden und Unternehmen einen sogenannten "Quick Check" an und unterziehen Webseiten einfach und schnell einem ersten
Screening auf Barrierefreiheit. Diesen Service sollte jeder Seitenbetreiber nutzen. Denn die Zugänglichkeit von Web-Inhalten sollte im Jahr 2020 im Interesse aller sein – auch ohne gesetzlichen Druck.