Covid-19 hat weitreichende Folgen: Aktuell sind viele Kinos in Österreich in ihrem Bestand bedroht. Der Kinobesuch ist aufgrund der Notfallgesetzgebung derzeit nicht möglich – den Kinobetreibern, die teilweise schon seit Jahren ums Überleben kämpfen, setzt dieses Verbot wirtschaftlich stark zu. Darüber hinaus droht nun eine neue Gefahr: Die zeitgleiche Veröffentlichung von Filmen über Online-Dienste und in den Kinos.

Bisher war der Verwertungsweg eines Kinofilms klar vorgegeben – vom Kino über die Online-Verwertung (Video-on-Demand) und Bildträgerauswertung (DVD et cetera) zum Pay-TV und schlussendlich zum Free-TV. Für jede dieser einzelnen Auswertungsstufen gibt es eigene Zeitfenster und erst nach Ende eines Zeitfensters folgt die nächste Auswertungsstufe.

"Trolls World Tour" als neuer Weg?

Sascha Jung leitet das IP/IT Data Protection Team von Jank Weiler Operenyi | Deloitte Legal und vertritt einige der größten österreichischen Filmproduktionsunternehmen. - © feel image - Fotografie/Felicitas Matern
Sascha Jung leitet das IP/IT Data Protection Team von Jank Weiler Operenyi | Deloitte Legal und vertritt einige der größten österreichischen Filmproduktionsunternehmen. - © feel image - Fotografie/Felicitas Matern

Vor wenigen Wochen beschritt Universal angesichts der wegen der Covid-19-Pandemie geschlossenen Kinosäle jedoch einen neuen Weg und veröffentlichte den Film "Trolls World Tour" zeitgleich zum Kinostart gleich auch online. In Anbetracht der beachtlichen Einnahmen aus der Onlineverwertung im dreistelligen Millionenbereich tätigte Jeff Shell, CEO von NBCUniversal, nun zusätzlich eine klare Ansage für die Zukunft: "Sobald die Kinos wieder öffnen, gehen wir davon aus, dass wir Filme gleichzeitig auf beiden Wegen veröffentlichen."

Solche Worte lassen bei Kinobetreibern die Alarmglocken schrillen, da dies für sie doch zu einem massiven Umsatzeinbruch führen würde. Es verwundert daher nicht, dass die weltgrößte Kinokette AMC sogleich in die Offensive ging und fortan keine Universal-Filme mehr in ihren Kinos aufführen will. Dass die Academy of Motion Picture Arts and Sciences gestern verkündete, bei der nächsten Oscar-Verleihung auch jene Filme zu berücksichtigen, die zuvor nicht im Kino zu sehen waren, macht die Sache für die Kinobetreiber aber nicht leichter.

Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Kann der Wunsch des Universal-Chefs so ohne weiteres in die Tat umgesetzt werden? Zumindest in Hinblick auf einen Großteil der österreichischen Kinofilmproduktion ist die klare Antwort: Nein.

Förderrichtlinien als maßgebliche Regularien

Die Produktion eines Filmes ist komplex, mit der Filmfinanzierung verhält es sich nicht anders. Neben Eigenmitteln der Filmproduzenten, Krediten von Investoren und Erlösen aus Vorverkäufen an Filmverleiher fließen in einen Großteil der Filme Gelder aus Filmförderungsanstalten und Fernsehanstalten. So ist auch der Großteil österreichischer Filme durch Filmförderungen auf Bundes- und Landesebene sowie den ORF gefördert oder mitfinanziert. Die maßgeblichen Regularien sind dabei insbesondere die Förderrichtlinien des Österreichischen Filminstituts (ÖFI), des Filmstandort Austria (FISA), des Filmfonds Wien sowie die Bestimmungen des Film- und Fernsehabkommens.

Gemein ist diesen Regularien die verpflichtende Einhaltung von Sperrfristen. So darf ein durch diese Förderstellen oder den ORF geförderter oder mitfinanzierter Film in seiner deutschen Sprachfassung erst sechs Monate nach der regulären Erstaufführung im Kino auf Bildträgern oder online verwertet werden. Wiederum weitere sechs Monate später darf dieser im Pay-TV sowie nochmals sechs Monate danach im Free-TV ausgestrahlt werden. Zwar lassen sich diese Sperrfristen auf begründeten Antrag hin verkürzen, aber nicht gänzlich aushebeln.

Im Rahmen der Verwertung ist man gut beraten, diese Sperrfristen einzuhalten, da deren Verletzung zu einem Widerruf der Förderungszusage und zu einer Rückforderung bereits ausgezahlter Fördergelder führt.

Ähnliche Regelungen in Deutschland

Soweit Produzenten also bei der Finanzierung ihrer Filme in Österreich auf Gelder von Förderungseinrichtungen oder eine Beteiligung des ORF zurückgreifen, besteht keine Möglichkeit für die Filmverleiher, die Online-Verwertung derart finanzierter Filme zeitgleich mit dem Kinostart zu beginnen.

Ein Blick über die Grenze zeigt, dass auch in Deutschland ähnliche Regelungen mit identen Sperrfristen gelten.

Natürlich bedeutet dies keine absolute "Sicherheit" für die Kinobetreiber. Denn wie erwähnt gelten die Sperrfristen nur bei der Inanspruchnahme von Fördergeldern oder einer Beteiligung des ORF. Insbesondere die großen Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amazon finanzieren ihre Produktionen zur Gänze selbst und sind somit auch frei, über deren Verwertung zu bestimmen.

Für die Kinobetreiber sieht die Zukunft also trotz klarer gesetzlicher Regelungen nicht allzu rosig aus. Österreichische Filmproduzenten sind aber ebenfalls gut beraten, die aktuelle Gesetzeslage genau im Blick zu haben – ansonsten kann es auch für sie ein böses Erwachen nach Veröffentlichung eines neuen Werkes geben.