Mehr als 50 Prozent der Jus-Absolventen sind Frauen. Unter den eingetragenen Rechtsanwälten sind es nur noch rund 20 Prozent. Warum man viele Frauen "früher oder später am Weg verliert", erklärt Bettina Knötzl, die neue Vizepräsidentin der Rechtsanwaltskammer Wien, im Interview. Und: Betrugsfälle wie bei Wirecard und der Mattersburger Bank ließen sich verhindern, so die auf Compliance spezialisierte Rechtsanwältin.

"Wiener Zeitung": Frau Knötzl, warum ist die Anwaltei eine Männerdomäne?

Bettina Knötzl: Dieser Beruf ist schon von Haus aus zeitintensiv. Ihn mit einem Familienleben unter einen Hut zu bringen, macht ihn noch anspruchsvoller. Auch wenn Männer viel mehr als früher bereit sind, bei der Kinderbetreuung halbe-halbe zu machen, bleiben doch viele Aufgaben an den Frauen hängen. Je höher die Positionen sind, desto dünner wird die Luft. Aktuell sind nur zwölf Prozent aller Gesellschafter bei den Großkanzleien weiblich. Wir wollen den Frauenanteil in der Anwaltschaft weiter steigern.

Was schwebt Ihnen vor?

Wenn man von einem Arzt spricht, dann denkt man gleichermaßen auch an eine Ärztin. In der Anwaltschaft dominiert in vielen Köpfen noch das Bild des Mannes. Wenn wir künftig an einen Anwalt denken, sollen wir genauso auch an eine Anwältin denken.

Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Müttern soll es in der Anwaltschaft leichter gemacht werden. Wie auch die Covid-19-Pandemie zeigt, ist die Heimarbeit eine große Hilfe. Als ich meinen Sohn bekommen habe, habe ich Teilzeit und viel von zuhause aus gearbeitet.

In einigen Kanzleien sind Heim- und Teilzeitarbeit aber nicht gern gesehen.

Ja, die Kanzlei muss das bewusst zulassen. Es geht, wenn man nur will. Gut die Hälfte der Partner unserer Kanzlei ist weiblich. Drei der sechs Partnerinnen haben mehrere, auch kleine Kinder. Sie müssen pünktlich gehen, um sie abzuholen. Es ist manchmal unangenehm, dass die Telefonkonferenz dann nicht am Nachmittag stattfinden kann. Diese Kollegialität gegenüber den Müttern ist aber notwendig.

Aber wie soll das in einer Branche funktionieren, in der Konzipienten mitunter schief angesehen werden, wenn sie vor 19 Uhr das Büro verlassen?

Die Branche muss merken, dass sie auf dem falschen Weg ist, wenn sie jungen Kolleginnen keine Chance gibt, Beruf und Familie zu vereinen. Derzeit stecken wir viel Zeit und Energie in sie, um sie zu Anwältinnen auszubilden. Und wenn sie bestens ausgebildet sind, verlieren wir sie, weil sie sich auch um ihre Familie kümmern wollen. Das ist nicht gerade schlau.

Könnte man seitens der Kammer mehr tun? Warum werden zum Beispiel die reduzierten Kammerbeiträge für Anwältinnen in Karenz nicht ganz ausgesetzt?

Es gibt finanzielle Erleichterungen. Allerdings muss der Beitrag auch fair sein. Man bleibt ja als Anwältin eingetragen.

Also bleiben die Beiträge aufrecht?

Ich glaube, dass noch mehr passieren kann. In den vergangenen Jahren ist schon einiges geschehen. Als ich in Mutterschutz gegangen bin, wurde mir meine Teilzeit nicht auf die Ausbildungszeit angerechnet, obwohl ich 36 Stunden in der Woche gearbeitet habe. Mittlerweile wird das angerechnet.

Die Anwaltschaft ist für ihr strenges Standesrecht bekannt. Immer wieder gibt es Diskussionen über die weibliche Sexualität. Etwa, ob eine Anwältin ihren nackten Rücken im Internet veröffentlichen oder sich exzessiv auf Instagram vermarkten darf. Wie sehen Sie das?

Der Anwalt sollte vornehmlich mit der Qualität seiner Arbeit werben. Aber natürlich kann man manchmal auch ein Stück provozieren.

Gehen solche Fotos also in Ordnung?

Es kommt immer auf den Einzelfall an, wobei es natürlich Grenzen gibt. Eine übermäßige Freizügigkeit sehe ich schon als problematisch an.

Gibt es Rechtsbereiche, in denen sich Anwältinnen besonders profiliert haben?

Im Gesellschaftsrecht ist es einigen Frauen gelungen, die gläserne Decke zu durchstoßen. Auch bei den Scheidungsanwältinnen haben sich große Namen etabliert. Und auch bei der Streitschlichtung ist ein guter Frauenanteil zu sehen.

Sie haben sich auf Compliance spezialisiert. Wie beurteilen Sie die Betrugsfälle bei Wirecard und Mattersburger Bank?

Es ist katastrophal, dass die Compliance-Systeme hier derart versagt haben. Wenn ganz bewusst kriminelle Energie auf Vertrauen trifft, ist das eine ganz gefährliche Mischung.

Wie lässt sich das verhindern?

Es gibt drei wesentliche Faktoren, die Betrug und Korruption hervorbringen. Wir verwenden dafür ein Bild, das "Betrugsdreieck": In einer Ecke steht der Druck, etwa, dass der Betroffene bestimmte Verkaufszahlen erbringen muss, um seinen Bonus zu bekommen. Negativer Druck muss weg. In der zweiten Ecke steht die Rechtfertigung: Mitarbeiter, die unzufrieden sind, weil sie etwa bei einer Beförderung übergangen wurden, meinen, sie können sich auf andere Weise etwas zukommen lassen und ihre Reisekostenabrechnung fälschen. Ein Unternehmen, das klare Werte wie Integrität hat und von der Spitze her lebt, wird weniger Betrug und Korruption sehen. Der dritte Faktor ist die Gelegenheit. Gelegenheit macht Diebe. Das simple Vier-Augen-Prinzip zum Beispiel schränkt die Gelegenheit ein.

Keine gute Figur haben bei diesen Finanzskandalen die Aufsichtsräte gemacht.

Die Industrie bemüht sich seit Jahren, dass sich da etwas ändert. Aufsichtsratssitzungen sollen weg von einem "Brötchentreff" hin zu einem funktionierenden Überwachungssystem mit einem Partner für strategische Fragen. Das kann nur funktionieren, wenn kompetente Leute im Aufsichtsrat sitzen. Aber diese Personen müssen für ihre Beiträge auch entsprechend entlohnt werden. Da ist Österreich noch weit hinten.

Lukrativere Posten würden aber wohl die Gefahr steigern, dass die Parteien in staatsnahen Unternehmen diese erst recht mit Günstlingen besetzen. Wie kann man dem entgegenwirken?

Die Kompetenz sollte immer die Parteizugehörigkeit stechen. Die rein politische Besetzung in staatsnahen Betrieben ist eine Geißel unserer Gesellschaft. Es muss klar sein, dass es ein Vergehen ist, einen Posten mit einer unqualifizierten Person zu besetzen. Da braucht es noch ein Umdenken. Wir haben in den letzten zwei Jahrzehnten einen gesellschaftlichen Wandel im Bereich der Korruption gesehen. Auch Freunderlwirtschaft muss als Korruption verachtet und bestraft werden.

Apropos Korruption: Die Strafverfolgung zieht sich teils über Jahrzehnte. Was kann verbessert werden?

Die lange Verfahrensdauer in Wirtschaftsstrafsachen ist ein Krampf. Man könnte hier viel mehr auf das Verbandsverantwortlichkeitsgesetz setzen. Das erleichtert die Aufklärung.

Können Sie das näher ausführen?

Das Gesetz wurde 2006 eingeführt. Es ermöglicht, eine Organisation in ihrer Gesamtheit strafrechtlich, etwa mit Geldbußen, verantwortlich zu machen und nicht nur den einzelnen Mitarbeiter. Das Gesetz schafft Anreize, wenn die juristische Person, also etwa die Bank, bei der Aufklärung unterstützt. Sie kann durch ihr vorbildliches Verhalten nach der Tat eine Diversion oder gar Straffreiheit erhalten. Die eigene, interne Untersuchung der Vorfälle geht natürlich viel schneller als eine externe durch die Staatsanwaltschaft. Wenn mehr Rechtssicherheit bestünde, dass solch ein kooperatives Verhalten belohnt wird, könnten viele Ressourcen gespart werden. Trotzdem wird das derzeit in Österreich kaum gemacht.