Die Technologie durchdringt längst alle unsere Lebensbereiche. Im Alltag assistieren Siri (bedeutet im Übrigen aus dem Norwegischen übersetzt "eine schöne Frau, die dich zum Sieg führt"),  Google Assistant und Alexa. Vollautomatisierte Bezahlsysteme ersetzen die Kassiererin. Den Rasen mäht der Roboter. Die Navigationssysteme geben uns Orientierung. Dies alles schon eher ein alter Hut.

Schon früher  konnten Textprogramme nach Suchbegriffen durchforstet werden und gibt es  am Markt schon länger Spracherkennungsprogramme.  Die Technologie hat sich zwischenzeitlich stetig weiter entwickelt und gibt es immer mehr Einsatzgebiete.

Juristen können sich bei langwierigen Quellenrecherchen und Datenbankanfragen vollautomatischer Unterstützungen bedienen.
Rechtliche Massenanfragen,  können standardisiert bearbeitet werden,  zB fair plane,  https://www.fairplane.at/

Bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft kann eine Whistlebloweranzeige digital erstattet werden. https://www.justiz.gv.at/wksta/wirtschafts--und-korruptionsstaatsanwaltschaft/hinweisgebersystem~2c9484853d643b33013d8860aa5a2e59.de.html

Angst scheint zunächst nicht ganz unbegründet

Die Technologie hat natürlich nicht nur Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.  Auch unsere Arbeitswelt verändert sich durch diese - so auch die von uns Juristen.

Die Angst scheint zunächst  auch nicht ganz unbegründet zu sein. Denn bereits mit der industriellen Revolution ging - bei steigender Bevölkerungszahl - Massenarbeitslosigkeit einher.

Experten divergieren in ihrer Einschätzung des Ausmaßes der mit der maschinellen Einsetzung einhergehenden Arbeitsreduktion. Einer Studie der Unternehmensberatung Mc Kinsey (2018 Studie: Skill shift – Automation and the future of the workforce") zufolge könnten bis zur 30 Prozent der Arbeitnehmer weltweit ihren Arbeitsplatz verlieren, dies entspreche in etwa 800 Millionen Menschen.

https://www.zeit.de/2018/18/zukunft-arbeit-kuenstliche-intelligenz-herausforderungen
https://www.mckinsey.de/news/presse/2018-05-23-neue-studie-welche-fahigkeiten-brauchen-wir-fur-die-arbeitswelt-40#

Dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Joseph A. Schumpeter zufolge sind Innovationen Prozesse schöpferischer Zerstörung. Sie rufen Neues ins Leben und vernichten Altes. Sie kennen nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Firmen, Arbeitsplätze, Produkte und ganze Branchen werden ausgelöscht und neue entstehen.

Eine Frage der Klugheit der Maschine

Je klüger die Maschine, desto weniger gut ausgebildet muss die Person sein, die an oder mit ihr arbeitet- und desto weniger die Personalkosten. So auch der deutsche Blogger und Buchautor Sascha Lobo.

Was ist überhaupt Künstliche Intelligenz ( kurz "KI" genannt)?
Der Begriff Künstliche Intelligenz geht zurück auf den amerikanischen Informatiker John Mc Carty ( 1956). Unter Künstlichen Intelligenz  wird verstanden, der Versuch menschliches Lernen und Denken auf den Computer zu übertragen. Unterschieden wird die KI in sogenannte schwache und starke KI. Schwache KI umfasst partielle Fähigkeiten wie Spracherkennung oder die des Schachspiels. So besiegte das von IBM entwickelte Schachprogramm "deep blue"  den russischen Schachweltmeister Garri Kasparow in den 90 er Jahren.  Schwache KI  ist also nichts anderes als ein sehr komplexer Algorithmus zur speziellen Fragenbeantwortung, deren Lösung dieser vorher selbständig erlernt hat. Unter starker KI  ( dieser bekannt aus den Science Fiction Filmen ,wie der "böse"  Computer HAL aus "2001: Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1968, oder die verführerische Roboterdame Ava in Ex Machina von Alex Garland) wird eine generelle ( dem Menschen ähnliche) Problemlösungskompetenz verstanden.

Der Mensch kann mehr als nur Schachspielen

Denn der Mensch kann eben mehr als nur Schachspielen, er kann eine Mahlzeit zu bereiten, ein Bild malen, lieben und vieles, vieles mehr. Der Mensch als komplexes Wesen.  Die starke KI (in der Superlative, den Mensch überholend, dann Superintelligenz genannt) ist aber noch nicht entwickelt worden.

Mir erscheint daher die Beschäftigung mit der Frage vorrangig, was den Mensch als solches überhaupt ausmacht. Was unterschiedet diesen von einer Maschine? Was ist Intelligenz?  Was ist Seele? In welcher Art von Gesellschaft wollen wir leben? Klar zu machen ist: Intelligenz ist die Fähigkeit, bestimmte  Probleme unter bestimmten Bedingungen zu lösen.  Das kann die Maschine.

Menschliches Denken jedoch basiert auf unseren Gefühlen und unserer Körperlichkeit.  Bewusstsein, ist die Fähigkeit, sich selbst und die Welt zu fühlen. Dieses Bewusstsein fehlt der Maschine. Diese zu haben davon ist der derzeitige technische Entwicklungsstand  weit entfernt.

Es sind Menschen, die die Maschinen programmieren und die entscheiden, aufgrund welcher Basis die Maschine lernt, ihre Schlüsse zieht. Der Mensch bestimmt also was unter erfolgreicher Lösung verstanden wird.  Er ist es,  der den Algorithmus füttert. So kam hervor, dass auch die von Google und Amazon eingesetzte KI nicht geschlechtergerecht agierte. So wurden unter anderem Frauen weniger oft befördert. Der Grund dafür war, dass der Algorithmus  bei seinen Lösungen auf die Daten zu vergangenen Beförderungen zurück griff.

Ein weiteres Beispiel einer Algorithmus generierten geschlechterungerechten Behandlung: Die Daten zu Kreditvergaben der Apple Card  sollen laut Chief Technology Officer des Unternehmens Basecamp David Heinemeier Hansson zu unterschiedlichen Kreditlimits bei ihm und seiner Ehefrau geführt haben. Der Charakter von Hilfsassistenten wie Alexa hat sich zwischenzeitlich geändert. So gibt diese nun zur Antwort, dass sie eine Feministin ist.  Alexa unterstützt weiters die Black- Live- Matters Bewegung.

Bei der Programmierung geht also um die Frage ob und wenn ja, in welchem Ausmaß einem technischen Assistenten Persönlichkeit zu kommen soll.  Wenn ja, von wem, und wie werden die dieser Persönlichkeit zugrundeliegenden Werte definiert?
Corona zeigte um eins mehr auf, dass etliche Unternehmen nicht ausreichend für die Zukunft gerüstet sind. Viele Unternehmen haben bei Wegfall/ Reduktion des daily business nicht für ein Kompensationsgeschäft vorgesorgt.

Kreativität der Juristen

Berufe, die Kreativität und soziale Intelligenz erfordern, sind weniger gefährdet von Maschinen ersetzt zu werden. Der Interpretationsgabe und dem vernetzten Denken eines Juristen wird daher immer mehr Bedeutung zukommen. Gerade Corona forderte mit all seinen Themen  die Deutungsgabe sowie  legistische Arbeit  der Juristen. So meinten einige Juristen das Covid 19 Maßnahmenpaket hätte eine Schlechterstellung gegenüber dem Epidemiegesetz gebracht. Der Verfassungsgerichtshof lehnte die diesbezüglichen Beschwerden jedoch ab. Denn  nicht nur, dass das Epidemiegesetz einen anderen Sachverhalt regelt (hier Schließung einzelner Unternehmen aufgrund einer von diesem Betrieb konkret ausgehenden konkreten Seuchengefahr, dort - Covid 19 Maßnahmengesetz- eine österreichweite generelle Schließung ohne individuelle Gefahrenlage) sieht das Covid-19-Maßnahmengesetz Entschädigungen vor. 

https://www.wienerzeitung.at/themen/recht/recht/2057399-Covid-19-Anrufung-des-Verfassungsgerichtshofs-Chance-oder-Sackgasse.html

Einige der erlassenen Maßnahmen wurden jedoch  vom Verfassungsgerichtshof als rechtswidrig erkannt.

https://www.wienerzeitung.at/themen/recht/recht/2069431-Wie-steht-es-um-die-Prozesschancen-fuer-den-Handel.html

Bei vielen  rechtlichen Thematiken stellen sich  interdisziplinäre Fragen. So kommt es immer öfters vor, dass Ehepaare Embryonen einfrieren (sogenannte Kryokonservierung). Denn  durch berufliche Ausbildung, spätere Eheschließung, Karriereweg befürchten immer mehr Frauen, dass sie durch das Zuwarten später aufgrund ihres Alters keine Kinder bekommen können und wollen für diesen Fall vorgesorgt haben. Was soll aber mit den Embryonen passieren, wenn die Ehe geschieden wird? Was ist Seele? Wann beginnt Leben?

Gute legistische Arbeit bedarf  unter anderem auch der  Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte und Fragen, welche Gesellschaft wir sein oder auch nicht mehr sein wollen. Wollen wir tatsächlich eine Gleichberechtigung von Frau und Mann, und wenn ja, welche Regelungen dazu bedarf es dazu (endlich)? Wachstum kontra Sicherung/ Schonung unserer (Umwelt)Ressourcen. Wie soll die  Kapitalverteilung in unserer Gesellschaft geregelt werden? Zu diesem Thema das Buch "Das Kapital  im 21. Jahrhundert" von Thomas Piketty lesenswert.

Medizinethische Fragen aufgeworfen

Das  derzeit heftig diskutierte Thema  einer etwaigen Impfpflicht wirft  ebenfalls eine Vielzahl  von medizinethischen Fragen auf. 
Ebenso viele (noch nicht geklärte)  ethische Fragen stellen sich im Zusammenhang mit der nun vom Verfassungsgerichtshof erlaubten "Mitwirkung am Selbstmord".

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/oesterreich/2085137-Verfassungsgerichtshof-erlaubt-assistierten-Suizid.html

"Tötung auf Verlangen" ist nach wie vor verboten.  Es stellt sich u.a.  die Frage der Grenze der verbotenen Tötung auf Verlangen zu jener der nun mehr erlaubten Mitwirkung am Selbstmord.  Ebenso bedarf es einer Auseinandersetzung mit der  (tatsächlichen) Freiheit des Willens,  dies insbesondere wenn man das Gefühl hat  als kranker, alter Mensch anderen zu Last zu fallen.  Ist dies mit Menschenwürde vereinbar?  Wenn ja,  welche Begleitmaßen ( psychologische Hilfe) ist von Nöten. Wie nachhaltig verhindern, dass die nun legalisierte Tötung später nicht auf andere Bereiche übertragen wird?

Die Rechtsanwaltskanzlei der Zukunft

Alles sehr komplexe Themen.
Wie wird eine Rechtsanwaltskanzlei des Jahres 2050 aussehen?

Die Arbeitsbedingungen in Kanzleien sowie deren Büroausgestaltung werden endlich einen Entwicklungsprozess durchlaufen zu haben.  Zumindest einen  Teil der Kanzleiarbeit in home office verrichten zu können, sollte längst "state of the art" sein. Das home office möglich ist hat Corona gezeigt.  Hier hat die Branche wohl noch viel Potential. Weniger Mitarbeiter vor Ort wird sich auch auf die Größe der erforderlichen Kanzleiräumlichkeiten und sohin u.a. auf  den Büromietermarkt auswirken.

Ebenso haben meines Erachtens für zumindest höhere Posten das klassische Vorstellungsgespräch sowie Assessment Center ausgedient. Neue individuelle Wege sind gefragt und sei es das wechselseitige Kennenlernen beim Wandern in der Natur.  Denn  bei einer solchen zeigt sich viel: ist der Kandidat praktisch veranlagt, pünktlich,  orientiert, nimmt dieser sein Umfeld (Natur) wahr etc.

Aber auch der  Rechtsanwalt selbst sowie dessen Arbeitnehmer werden sich mit den Zukunftsperspektiven ihrer Tätigkeit zu beschäftigen haben. Es stellt sich die Frage ob die Kanzleikraft  im klassischen Sinn nicht über kurz oder lang ausgedient hat. Viele Kanzleien haben die Sekretärin bereits durch Spracherkennungsprogramme ersetzt. Den Mandantenempfang, die Postübernahme, Telefonate  übernehmen oft Studenten oder ausgesourcte Dienstleister.  Wo sind nun neue Einsatzgebiete  für Mitarbeiter im juristischen Umfeld?

Was macht mich als Rechtsanwalt aus?  Was ist mein USP? Wo gibt es neue Betätigungspotentiale am Markt? Was bedarf es zu deren Umsetzung? Die Beantwortung hängt natürlich sehr stark vom juristischen Kernbetätigungsfeld ab. So unterscheiden sich die Anforderungen eines Rechtsanwalts im hoch emotionalen Familienrecht sehr vom  Vergaberecht.

Dem Einsatz einer maßgeschneiderten (Kanzlei) Software muss  ein strategischer Prozess vorangehen,  bei welchem evaluiert wird was die  jeweilige Kanzleitätigkeit überhaupt ausmacht und welche Abläufe mit Legal Tech Tools optimiert werden können.

https://www.wienerzeitung.at/themen/recht/recht/2083761-Wie-kann-Legal-Tech-erfolgreich-umgesetzt-werden.html
https://www.wienerzeitung.at/themen/recht/recht/2047094-Kuenstliche-Intelligenz-entscheidet-unmenschlich-menschlich.html

Pflichtfach Ethik

Interdisziplinäres Lernen in Aus und Weiterbildung
Ethik ist nun endlich als Pflichtfach in Oberstufen angekommen.
https://www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/zrp/ethik.html

Ethik sollte aber in allen Schultypen verpflichtend unterrichtet werden. Ebenso sollte zur Förderung von Kreativität bereits an den Schulen Fächer wie Musik, Zeichnen, Sport verstärkt unterrichtet werden. Meines Erachtens sollten aber auch in der juristischen Aus- und Weiterbildung verstärkt Fokus auf grenzübergreifende Fächer gelegt. Gegenstände, in welchen eine Beschäftigung mit ganz anderen Themen als der Jurisprudenz stattfindet. Der Wahlfachkorb bietet zwar im Rechtsstudium schon einige Möglichkeiten (zB Legal Gender Studies (Frauen und Geschlechterforschung),  Kulturrecht oder auch Computer und Recht an, jedoch sollten diese Fächer meines Erachtens ausgebaut werden. Auch verdienen Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften, dies auch in der juristischen (Aus)bildung eine verstärkte Zuwendung. Diese finden sich im derzeitigen Studiumplan des Rechtsstudiums nicht und müssen zusätzlich studiert werden.

Es gibt etliche Wissenschaftler, aber eben auch Juristen, welche ihren Ausgleich und (auch berufliche) Anregung in kreativen Beschäftigungen wie Musik, Impulstheater oder Impulstanz finden.  Lernen im Spielen.
Ein Beispiel (sobald es wieder covid bedingt möglich ist) Improvisationstheater, zum Beispiel
https://sites.google.com/view/quintessenzimprov/home

Frauen und die Roboter

In der Technik braucht es mehr Frauen. Derzeit sind die Entwickler von Robotern vorwiegend Männer und werden diese nach männlichen Vorstellungen entwickelt. Damit sich Frauen eine technische  Hilfe gleich den Männern leisten können, bedarf es gendergerechter Entlohnung. Wobei wir wieder bei einer der Grundsatzfragen wären; in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Es braucht Juristen, welche  Hand in Hand mit Wissenschaftlern wie  Ethikern, Geschlechterforschern, Historikern, Soziologen, Psychologen an kreativen  der Allgemeinheit dienenden nachhaltigen Zukunftslösungen arbeiten und kreative umsichtige Politiker, welche den  Rahmen hierfür schaffen.

Es sind in Wahrheit die bis dato oft  fälschlich als  selbstverständlich vorausgesetzten soft skills wie Zuhören, Empathie, Kommunikationsstärke sowie Kreativität, welche letztlich über Bestehen oder Nichtbestehen eines Juristen am Arbeitsmarkt entscheiden werden.