Die Digitalisierung ist hier, um zu bleiben. Das klingt gut oder beängstigend, je nach Einstellung. Die Digitalisierung hat aber noch nicht überall ihren Platz gefunden, um sinnvoll eingesetzt zu werden. In vielen Bereichen, wie dem Rechtsbereich, ist auch keine große Dringlichkeit gegeben, da die Umsätze der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte noch immer sehr gut sind. Und warum sollte man etwas ändern, nur, weil es in der Zukunft strategisch Sinn macht? Es ist doch eh alles gut, wie es jetzt ist. Oder?

Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, einer unabhängigen Plattform für Legal Tech. Die Digitalisierungsinitiative von Future-Law ist abrufbar unter: https://digitaleinitiative.future-law.at/ - © Marlene Rahmann
Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, einer unabhängigen Plattform für Legal Tech. Die Digitalisierungsinitiative von Future-Law ist abrufbar unter: https://digitaleinitiative.future-law.at/ - © Marlene Rahmann

Die Digitalisierung wird gut durch den sogenannten Hype-Zyklus verbildlicht, ein klassisches Diagramm: Die Y-Achse bildet die Aufmerksamkeit (Erwartungen) für eine neue (Legal) Technologie ab, die X-Achse die Zeit seit Bekanntgabe. Anfangs steigt die Kurve rasant nach oben in Richtung Hype an, nach diesem Maximum fällt sie dann aber auch ebenso rasant wieder ins sogenannte Tal der Tränen ab. Um dann, wenn die Technologie "überlebt", zum Level der Produktivität zu klettern. Die Gartner-Beraterin Jackie Fenn ist die Mutter dieser Kurve, die bei der Bewertung der Einführung neuer (Legal) Technologien hilft.

Seit 2016 widme ich mich beruflich dem Thema Legal Tech und sehe heute, 2021, dass das Thema angekommen ist. Allerdings: Der Hype ist vorbei - wir befinden uns gerade auf dem Weg ins Tal der Tränen. Was bedeutet das? Die (falsche) Erwartung, dass Legal Tech eine schnelle Lösung ist, hat sich nicht erfüllt. Digitalisierung bedeutet nicht einfach, ein IT-Tool zu kaufen. Es bedeute mehr als das: 1. Analyse bestehender Prozesse (kann öde sein, wir finden es sexy), 2. Erarbeitung besserer Prozesse, 3. Auswahl eines Tools und 4. die Umsetzung der neuen Prozesse und (Legal-)Tech-Tools.

Das Tal der Tränen setzt nun oft schon beim ersten Punkt ein. Man will endlich eine digitale Lösung für ein Problem umsetzen. Es wird in Kanzleien und Rechtsabteilungen allerdings oft unterschätzt, wie wichtig davor die bewusste Analyse der zu digitalisierenden Prozesse ist. Diese benötigt Zeit, menschliche Ressourcen und Vorausplanung. Gerade bei der Einführung zum Beispiel digitaler Signaturprozesse oder der Automatisierung von Vertragsvorlagen. Leider ist das Tal der Tränen tief und die Erkenntnis, dass Geld investiert werden muss, schmerzlich. Viele Kanzleien haben kein dezidiertes Budget für Legal Tech. Um aus dem Tal der Tränen auf das Plateau der Produktivität zu kommen, ist es notwendig, sich strategisch mit der Digitalisierung und dem gewünschten Nutzen zu beschäftigen. Das führt zu einer realistischen Einschätzung, und es entsteht ein Bewusstsein für die Vorteile sowie die Grenzen der neuen Technologie. Das braucht Zeit und Ideen - das beste Antidepressivum gegen die Tränen auf der Digitalisierungsreise.