Seit der Veröffentlichung des Artikels "Denkanstöße für eine queere Rechtslinguistik" am 28. Juli. 2022 entwickelte sich eine rege Diskussion, in der verschiedene Diskurspositionen sichtbar wurden.

Daniel Green ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik (ÖGRL) und Universitätsassistent an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er studierte Anglistik, Amerikanistik und Geschichte sowie Rechtswissenschaften. 
- © Robert Wählt
Daniel Green ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik (ÖGRL) und Universitätsassistent an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er studierte Anglistik, Amerikanistik und Geschichte sowie Rechtswissenschaften. - © Robert Wählt

Die Diskussion nahm ihren Anfang in der Frage, wie mensch mit der Gesetzgebung und der Unrechtsprechung der Gerichte in Fällen sogenannter "gleichgeschlechtlicher Unzucht"‘ umgehen soll. Wie soll generell mit der schmerzlichen Einsicht umgegangen werden, dass (gesprochenes) Recht immer relativ zu zeitlichen, räumlichen und kulturellen Gegebenheiten existiert, dass es also kein universell geltendes Recht geben kann. In seinen Repliken (z.B. "Queere Rechtslinguistik ist sinnlos") vom 23. August. 2022 hetzt Erwin Bader teils gegen Menschen, die er als "die Homosexuellen" pauschaliert. Was sind also die Vorwürfe, die Bader in seinen Pamphleten gegen seine Mitmenschen erhebt?

Tabelle 1: Verteilung der häufigsten Hauptwörter (alle Autoren)
Tabelle 1: Verteilung der häufigsten Hauptwörter (alle Autoren)

Bader legt queeren Menschen zur Last, sie würden unter anderem:

  1. einen schädlichen Einfluss durch lobbyistischen Druck auf Medien, Rechtsprechung und Wissenschaft ausüben;
  2. die Gender-Ideologie zum neuen Maßstab der Political Correctness erheben;
  3. eine zunehmend dominante Rolle in der Unterhaltungsindustrie, in den Filmen und sonstigen Medien beanspruchen;
  4. Kinder in Schulen und Kindergärten manipulieren, wodurch die natürliche Entwicklung der Kinder schwerwiegend beeinträchtigt werde;
  5. das Ziel der Korrektur der Natur verfolgen und zu diesem Zweck bei unschuldigen, unausgereiften, wehrlosen Kindern ansetzen;
  6. die sozial enge, hedonistisch-egoistische Ansicht propagieren, dass das sexuelle Bedürfnis und deren Regelung in der Ehe nur der gesellschaftlich geordneten sexuellen Befriedigung diene;
  7. eine über die Entkriminalisierung hinausgehende Aufwertung erfahren haben;
  8. politische Cliquenbildung betreiben und die freie Äußerung eines von ihrer Ideologie abweichenden Standpunktes verhindern wollen.

Irrationalen Abneigung respektive Furcht

Tabelle 2: Verteilung der häufigsten Hauptwörter (Bader)
Tabelle 2: Verteilung der häufigsten Hauptwörter (Bader)

Die Gruselgeschichte der großen globalen Homosexuellenverschwörung entspringt einer irrationalen Abneigung respektive Furcht vor queeren Menschen. Der Gedanke einer sogenannten queer agenda ist ein beharrlich erzähltes und gänzlich auf Unwahrheiten fußendes Narrativ, das tatsächlich im "Giftschrank der Verschwörungstheorien" besten aufgehoben ist. Queere Menschen werden darin als eine dunkle Macht dargestellt, die im Verborgenen die Fäden ziehe und danach trachte, Unheil über ahnungslose Mitmenschen zu bringen. Die Täter-Opfer-Umkehr ist ein wesentlicher Bestandteil solcher homofeindlichen Verschwörungstheorien und zeigt durchaus Parallelen zu anderen Formen der Menschenfeindlichkeit, zum Beispiel Rassismus, Antisemitismus, Misogynie, Xenophobie und vieles mehr.

Tabelle 3: Verteilung der häufigsten Hauptwörter (Müllner, Virsik, Bishop, Stegu und Green)

Tabelle 3: Verteilung der häufigsten Hauptwörter (Müllner, Virsik, Bishop, Stegu und Green)

Wenn queere Menschen sich falsch verhalten, dann wird allzu oft nicht ein abzulehnendes Verhalten, sondern ihre Geschlechtsidentität bzw. ihre sexuellen Orientierung zum wirklichen Problem gemacht. So wird in diesen Kreisen häufig vertreten, queere Menschen würden verwerflich handeln, weil sie queer seien. Auch maßen sich Anhänger:innen dieser Verschwörungstheorie an, der ganzen Gesellschaft vorzuschreiben, was richtig und was falsch sei.

Niemals werde ich für mich in Anspruch nehmen, die "Wahrheit" zu vertreten; ich kann nur vertreten, was sich mir in der Analyse der mir vorliegenden Daten zeigt und welche Interpretation mir plausibel erscheint. Ich blicke aber niemals nur auf Sprache, sondern auf die Gesellschaft in der Sprache und Kommunikationen eine wichtige Rolle spielen. Es erübrigt sich für mich, darzulegen, weshalb eine wahnhaft anmutende Abneigung oder Angst vor queeren Menschen, weder zu einem gelungenen Zusammenleben noch zum Weltfrieden beiträgt. Für mich steht fest: Homophobia is an enemy of reason und wir alle müssen uns gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit verwehren.

Bisheriger Sprachgebrauch der Diskussion

Doch geht es in dieser Debatte wirklich um Queerness oder erleben wir vielmehr in Baders Beiträgen die Reaktion darauf, dass die Macht des heteronormativen Totalitarismus langsam zu bröckeln beginnt? Was passiert mit uns, was passiert mit der Gesellschaft, wenn wir den Anderen das Menschsein vorschreiben?

Wie Menschen Sprache verwenden, kann Aufschluss darüber geben, was sie als (vor)gegebenes Wissen annehmen. Wenden wir uns dem bisherigen Sprachgebrauch der Diskussion zu. Insgesamt sind die acht Beiträge 10.393 Wörter lang und bestehen aus 3.040 einzigartigen Wortformen. Blicken wir nun auf die Liste der häufigsten Hauptwörter. Das in dieser Liste am häufigsten auftretende Hauptwort ist MENSCHEN, das am seltensten gebrauchte ist FRAU; das wäre bereits selbst eine Diskussion wert (siehe Tabelle 1):

Daraus ließe sich aber auch schließen, dass im Zentrum der Diskussion das Menschsein steht, nämlich welche Beziehungen Menschen eingehen, welche konkrete Bedeutung diesen Beziehungen zukommen kann, welche Rolle Ideologien bei der Verortung dieser Beziehungen spielen und wie die Gesellschaft auf verschiedene Lebensentwürfe reagieren soll. Wenn wir nun die Beiträge Baders mit den Beiträgen von Müllner, Virsik, Bishop, Stegu und Green vergleichen, so zeigt sich eine interessante Tendenz, was die Verteilung von Begriffen in den Beiträgen betrifft.

Ideologisierung der Wissenschaft unsubstantiiert

Baders Vorwurf der Ideologisierung der Wissenschaft ist unsubstantiiert, vielmehr gilt es, mit dem Umstand umzugehen, dass wir als Wissenschafter:innen stets die Welt durch die Brille der Theorie wahrnehmen. Es bedarf daher der Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik. Wer die Wahrheit schon gefunden hat, hat kein Bedürfnis nach ihr zu suchen. Baders Kreuzzug gegen Homosexuelle lässt sich leicht als das enttarnen, was er ist, ein misslungener Versuch anderen genau jene Intoleranz anzulasten, die er selbst über die Jahre eingeübt und wohl auch perfektioniert hat. Es scheint, als ginge es in seinen Beiträgen doch eher darum,

1. die Ehe als besten, wenn nicht als einzigen Beziehungsentwurf darzustellen,

2. queere Menschen plump als Geißel unserer Zeit zu diffamieren und

3. Frauen zum Schicksal einer Gebärmaschine zu verdammen.

Das ist nicht die Gesellschaft in der ich leben will und das ist auch kein Rezept für den Weltfrieden, sondern eher für eine unheilvolle konservative Revolution, die uns in die 1950er zurückwerfen würde. Wie viel Gift und Galle Herr Bader auch speien möge, die Herrschaft des homophoben "Straight White Male" ist endgültig vorüber. Die Grenzen der freien Meinungsäußerung und der Religionsfreiheit haben dort ein Ende, wo Menschen ihre Menschlichkeit abgesprochen wird, wo Menschen das Gefühl vermittelt wird, sie haben keinen Platz in der Welt so wie sie sind. Prayers for Bobby (2009), eine Verfilmung die auf dem Buch Prayers for Bobby: A Mother's Coming to Terms with the Suicide of Her Gay Son basiert, bringt diese Problematik rührend auf den Punkt, indem sie zeigt wohin Baders Bigotterie führen kann:

"Homosexualität ist eine Sünde. Homosexuelle sind dazu verdammt, die Ewigkeit in der Hölle zu verbringen. […] Das sind alles Dinge, die ich zu meinem Sohn Bobby gesagt habe, als ich herausfand, dass er schwul ist. Als er mir sagte, dass er homosexuell sei, brach für mich eine Welt zusammen. Ich tat alles, was ich konnte, um ihn von seiner Krankheit zu heilen. Vor acht Monaten ist mein Sohn von einer Brücke gesprungen und hat sich umgebracht. Ich bedauere zutiefst meinen Mangel an Wissen über schwule und lesbische Menschen. Ich sehe, dass alles, was mir beigebracht und gesagt wurde, Bigotterie und entmenschlichende Verleumdung war. […]  Ich wusste nicht, dass jedes Mal, wenn ich "ewige Verdammnis" für Schwule wiederholte, jedes Mal, wenn ich Bobby als krank und pervers und eine Gefahr für unsere Kinder bezeichnete, dass seine Selbstachtung und sein Selbstwertgefühl zerstört wurden.

Und schließlich brach seine Psyche irreparabel zusammen. Es war nicht Gottes Wille, dass Bobby über die Planke einer Autobahnüberführung kletterte und direkt in die Fahrbahn eines achtzehnrädrigen Lastwagens sprang, der ihn sofort tötete. Bobbys Tod war das direkte Ergebnis der Unwissenheit und Angst seiner Eltern vor dem Wort schwul. Er wollte Schriftsteller werden. Seine Hoffnungen und Träume hätten ihm nicht genommen werden sollen, aber das wurden sie. Es gibt Kinder wie Bobby, die in Ihren Gemeinden sitzen. Ohne dass Sie es wissen, werden sie zuhören, wenn Sie "Amen" sagen, und das wird ihre Gebete bald zum Schweigen bringen. Ihre Gebete zu Gott um Verständnis und Akzeptanz und um Ihre Liebe, aber Ihr Hass und Ihre Angst und Ignoranz des Wortes schwul, werden diese Gebete zum Schweigen bringen. Also, bevor Sie "Amen" in Ihrem Zuhause und Ihrer Kirche sagen. Denken Sie daran: Ein Kind hört zu."