Im Forum Alpbach durfte ich diesen Sommer einiges lernen, indirekt zum Beispiel, wie bei Meinungsverschiedenheiten vorzugehen ist. Die Schlichtheit des Vorganges ist Balsam für jede persönliche oder akademische Unstimmigkeit. Das gemeinsame Rückbesinnen auf eine Datenlage, dem die Einsicht einer Mitstreiterschaft folgt, nistete sich als Revival kindlicher Streitschlichtung, als back to the roots, als universal anwendbarer Umgang in meiner Seele ein: der Faktencheck. Angesichts der Diskussionen rund um LGBTIQA+, die in einem Beitrag zur queeren Rechtslinguistik ihren Ausgang nahmen, ist es an der Zeit, diesen nun durchzuführen.

Demokratie und Wissenschaft

Um Demokratie kann es einer Person, die einen Verstoß gegen allgemein geteilte Werte und eine Vertragsverletzung der rechtstaatlichen Basis befürwortet, nicht gehen. Eine juristisch gestützte Maßnahme, wie in Herrn Baders Artikel erwähnten Verstoß Polens gegen die europäische Grundrechtecharta, als unrechtmäßig zu bezeichnen, ist in meinen Augen ein Angriff auf die Demokratie und in diesem Kontext ein Angriff auf die Menschenwürde von LGBTIQA+ Angehörige und Frauen. Für mich spiegeln die Repliken eine Spaltung wider, die in der Bevölkerung, der Politik und Wissenschaft zu finden ist. Sofern keine Science Literacy in den tragenden Rollen der Wissenschaft gegeben ist, wird diese Spaltung auch nicht überwunden werden - unter Science Literacy verstehe ich die Bewandtheit in unterschiedlichen Disziplinen. Die LGBTIAQ+ Bewegung und den Fortschritt der Gender Studies als Ideologie zu bezeichnen, enttarnt eine:n als sachunkundig. Eine Meinung zu haben, ist legitim, Wissenschaftsabläufe gegen wissenschaftliche Erkenntnisse zu halten, ist ein Übergriff. Alle, die diesen medialen Disput seit Mitte August mitverfolgen, dürften die Täter-Opfer Umkehr des Angreifers nach folgender Formel bereits erkannt haben: "1. sich selbst beschreiben 2. Diese Eigenschaft den zu Schädigenden zuschreiben". 

Vanessa Baumgärtel schließt eben das interdisziplinäre Masterstudium Gender Studies ab. Sie hat einen Lehrgang zur Rechtsberaterin im Asylwesen abgeschlossen, ist Pflegewissenschaftlerin, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und widmet sich verschiedenen ehrenamtlichen Aufgaben. 
- © Fiona de Fontana
Vanessa Baumgärtel schließt eben das interdisziplinäre Masterstudium Gender Studies ab. Sie hat einen Lehrgang zur Rechtsberaterin im Asylwesen abgeschlossen, ist Pflegewissenschaftlerin, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und widmet sich verschiedenen ehrenamtlichen Aufgaben. - © Fiona de Fontana

Reinheit und Psyche

Die Professorin, Psychoanalytikerin, Philosophin, Literaturtheoretikerin und Schriftstellerin Julia Kristeva schafft es, Körperlichkeit, Psyche und Diskriminierung mit dem Begriff des Abjekten zu vereinen und gesellschaftliche Phänomene wie Homophobie oder Rassismus erklärbar zu machen. Die Professorin Iris Marion Young beschreibt, dass es sich bei Abjektion jeweils um ein Verhältnis von Subjekten zueinander handelt. Dies kann eben homophob, xenophob, etc. ausgestaltet sein. Im Kern ist das Abjekte eine Bezeichnung für eine Person, die abgestoßen wird, was als Mechanismus der Identitätsbildung betrachtet werden kann. Ist das Abjekte eine queere Person, so kommt in Homophoben eine starke, impulsive abneigende Empfindung gegen das Abjekte auf. Diese Abstoßung/Abneigung dient der Ableitung abjekter Identifikationsmerkmale von dem eigenen Ich.

Die Subjektbildung (des Ich) fußt sozusagen auf der Definition des Nicht-so-Seins wie das, was ich abstoße. Gleich verhält es sich mit z. B. Exkrementen, denen gegenüber mensch eine eher abgeneigte Einstellung hat, insofern sie ungewollt der eigenen Körpergrenze nahe sind. Hier lebt der psychische Mechanismus der Abjektion in Symbiose mit der Gesundheitserhaltung des Körpers: Hygiene, als Fernhalten von körpergefährdenden Substanzen. Die Grenze zwischen Körper und Außenwelt wird vom Ich verteidigt, indem der Körper mit hygienischen Ritualen gepflegt wird. Exkremente werden von-einem-selbst abgeleitet, sodass das Ich in keiner Berührung mehr zu dem Abzustoßendem steht. Die Abscheu ist subjektiv konstruiert und Teil der Identität. Durch Letzteres könnte auch die Beharrlichkeit binaritätsfanatischer Denkmuster begründet werden. Einer weiteren Konstruktion solch menschenverachtender Etablierung psychischer Mechanismen (Abjektion gegenüber Homosexuellen) kann durch die Verwendung gendergerechter Sprache entgegengewirkt werden.

Die Gefahr für die Menschheit liegt nicht in der sexuellen Orientierung einiger, sondern in einer übermäßigen Subjekt-Konstruktion des Nicht-homosexuell-Seins. Übertragen auf Misogynie: Ein Mensch, der anstrebt, nicht weiblich zu sein, mag dazu tendieren, seine Identität auf dem aufzubauen, was in der breiten Gesellschaft nicht unmittelbar mit Weiblichkeit konnotiert wird: gewalttätig, laut, immer ernst schauend. Für Homosexualität gibt es nun keine äußerlichen Marker. Hier die Grenze zum Homosexuellen zu ziehen ist oft nur über die Verteidigung homofeindlicher Standpunkte möglich.

Politische Clliquenbildung

Unweigerlich schwang sich Erwin Baders Argument der "politischen Cliquenbildung" (die nie gut ist, egal welcher Sexualität jene politischen Akteure nachgehen) in mein Bewusstsein. Im Sinne des Faktencheck entlehnte ich das von Erwin Bader paraphrasierte Buch Die Homosexualität. Herausgegeben von einem Verlag für kriminalistische Fachliteratur schrieb der Autor Dr. Rudolf Klimmer (S. 196): "Eine Gefahr der politischen Cliquenbildung ist dadurch [durch geschlossene Gesellschaften, Kontextsetzung der Autorin] nicht gegeben […]". Fraglich ist, was Erwin Bader an diesen Worten als weniger gute Seite bezeichnen möchte. Zur Erinnerung, Erwin Bader in Ideologie oder Wissenschaft: "Wenn man aber die weniger guten Seiten nicht mehr benennen darf, schlittern Demokratien in Richtung Diktatur". Der Satz Klimmer´s endet mit: "zumal es nicht gelungen ist, auch nur eine einzige politische Partei ernsthaft für die bedrängte Lage der Homosexuellen zu interessieren".

Eine Gesellschaft ist auf dem Weg zur Diktatur, wenn sie sich durch Framing übermäßig beeinflussen lässt. Die recherchierte und zitierte Textstelle eignet sich als Beispiel für Framing. Die Cliquenbildung wurde von Erwin Bader als Befürchtung Rudolf Klimmers geframed, diese Darstellung ist im Originaltext jedoch nicht zu finden.

Eine Täter-Opfer Umkehr erkenne ich auch hinsichtlich intellektueller Intransigenz. Die Sturheit der LGBTIQA+ Bewegung mag aus seiner Perspektive daran liegen, dass er Menschen zu missionieren versucht, anstatt christliche Toleranz gegenüber einer diskriminierten Gruppe an den Tag zu legen. Ich möchte ein Erfolgsbeispiel der christlichen Geschichte der Inklusion teilen: Eines der ehrenwertesten Spitäler dient im Wirken des Johannes von Gott. Er hat sich progressiver Weise für Menschengruppen am Rande der Gesellschaft eingesetzt, zu denen heute queere Personen leider immer noch gezählt werden können. Das Wirken des Ordenspatrons hält erfolgreich seit dem 15. Jahrhundert an.

Rudolf Klimmers Universitätslektüre wurde an die Vertreter:innen der Gesellschaft gerichtet und hat den Schlusssatz: "Der Staat sollte sich vielmehr mit der Tatsache der Homosexualität abfinden, gleichgültig, ob er sie für erfreulich hält oder nicht" (S. 237).