Die katholische Kirche feierte gestern das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria oder kurz: Mariä Empfängnis. Dieser Tag war für viele - auch Katholiken - etwas ganz anderes, nämlich ein freier Tag zur Erledigung von Weihnachtseinkäufen. Er bot sich mit dem heutigen Fenstertag auch für einen Kurzurlaub an. Ähnliches gilt jedes Frühjahr anlässlich der beiden Donnerstagfeiertage, Christi Himmelfahrt und Fronleichnam. Nur nebenbei sei erwähnt, dass Maria Himmelfahrt (15. August) nächstes Jahr auf einen Dienstag fällt.

Soweit, so gut - vor allem für den Handel, den Tourismus und die nicht gerade in diesen Branchen beschäftigten Arbeitnehmer. Es ist aber fraglich, ob der Katholizismus noch eine taugliche Grundlage für viele im Feiertagsruhegesetz und im Arbeitsruhegesetz anerkannte Feiertage ist.

Bei den Feiertagen
sind alle erzkatholisch

Zu Beginn der Zweiten Republik bekannten sich noch 89 Prozent der österreichischen Bevölkerung zur katholischen Kirche. Gut 6 Prozent waren evangelisch. Rund 1 Prozent gehörte anderen Religionen an und knapp 4 Prozent waren ohne religiöses Bekenntnis. Valide Zahlen über die aktuellen Religionszugehörigkeiten der österreichischen Bevölkerung gibt es nicht. Wikipedia zufolge gehörten Ende 2015 knapp 60 Prozent der österreichischen Bevölkerung der katholischen Kirche an. Tendenz der letzten Jahre: Jährlicher Rückgang um durchschnittlich knapp einen Prozentpunkt. Daneben dürften aktuell rund 3,5 Prozent der Bevölkerung evangelisch sein. Vor fünf Jahren (aktuellere Zahlen gibt es nicht) dürften knapp 7 Prozent der Bevölkerung Muslime gewesen sein. Der Anteil der konfessionslosen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung dürfte demnach aktuell wohl schon weit über 20 Prozent liegen. Die bloß "am Papier" einer Religion zugehörigen Personen, die tatsächlich keine Religion ausüben, werden nirgends ausgewiesen.

Kontinuierlicher Rückgang
der Mitgliederzahlen

Diese Zahlen belegen einerseits den kontinuierlichen Rückgang der Mitgliederzahlen der katholischen Kirche und andererseits eine stärkere Differenzierung der religiösen (Nicht-)Zugehörigkeiten. Unter der Annahme eines gleichbleibenden Schwunds der Angehörigen der katholischen Kirche wäre in etwa zehn Jahren nur noch weniger als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung katholisch. Spätestens dann müsste man sich die Frage stellen: Warum sollen vor allem jene Personen, die der katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben und/oder einer anderen Religion angehören, an katholischen Feiertagen mit arbeitsfreien Tagen "zwangsbeglückt" werden?

Vor rund einem halben Jahr sorgte vor allem in der Welt der Arbeitsrechtler eine (soweit ersichtlich nicht veröffentlichte) Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien für Aufregung. Ein Arbeitnehmer ohne religiöses Bekenntnis klagte seinen Arbeitgeber auf Zahlung eines zusätzlichen Entgelts, weil er an einem Karfreitag arbeiten musste. Dazu muss man wissen, dass der Karfreitag insofern ein besonderer Feiertag ist, als er sowohl nach dem Feiertagsruhegesetz als auch nach dem Arbeitsruhegesetz nur für Protestanten, Altkatholiken und Methodisten ein staatlich anerkannter Feiertag ist. Das Gesetz gewährt den Angehörigen dieser Konfessionen gewissermaßen einen zusätzlichen freien Tag.

Die jedenfalls auf den ersten Blick überraschende Entscheidung des Oberlandesgerichts Wien: Der konfessionslose Arbeitnehmer bekam Recht. Sein Arbeitgeber musste zahlen. Das Gericht stützte seine Entscheidung offenbar im Wesentlichen auf die EU-Gleichbehandlungsrahmenrichtlinie.

Karfreitag bald als
offizieller Feiertag?

Die Entscheidung wurde in der wissenschaftlichen Literatur heftig kritisiert. Eine Entscheidung des OGH in diesem Fall steht aus. Sollte die Entscheidung halten, würde der Karfreitag durch die Gerichte zu einem weiteren staatlich anerkannten Feiertag für alle erklärt werden.

Abgesehen von zu Tage getretenen juristischen Spitzfindigkeiten an der Schnittstelle zwischen Unions- und nationalem Recht, lässt auch diese Entscheidung an der Legitimation staatlich anerkannter religiöser Feiertage Zweifel entstehen. Feiert die Mehrheit der in Österreich lebenden Menschen zu Ostern tatsächlich noch den Tod und die Auferstehung Jesu oder handelt es sich vor allem beim Weihnachts- und Osterfest nur noch um Brauchtum als Ausdruck lang hergebrachter Traditionen, die man im Wesentlichen für Kinder, Geschenke, freie Tage, Feiern oder aus anderen nicht-religiösen Motiven hochhält?

Ähnliches gilt auch für säkulare Feiertage wie insbesondere den Nationalfeiertag. Vor dem Hintergrund der internationalen Integration Österreichs ist es meines Erachtens nicht mehr zeitgemäß, mit einem eigenen Feiertag der Beschlussfassung über die "immerwährende Neutralität" zu gedenken. Österreich ist seit Ende 1955 Mitglied der Vereinten Nationen, sodass Entscheidungen des Sicherheitsrats seit damals auch Österreich binden. Seit 1995 ist Österreich Mitglied der EU, im Rahmen derer sich beispielsweise österreichische Soldaten an der Bekämpfung des Schlepperunwesens im Mittelmeer beteiligen.