"Längere Freiheitsstrafen führen zu einem Abbau an Hirnsubstanz", sagt Beclin. - © apa/Fohringer
"Längere Freiheitsstrafen führen zu einem Abbau an Hirnsubstanz", sagt Beclin. - © apa/Fohringer

Wien. Der soziale Frieden werde durch zu geringe Strafen gefährdet. Zu milde würden die Richter in Sexualstrafsachen urteilen.
Etliche Urteile seien der Bevölkerung nur schwer erklärbar. Es brauche endlich höhere Strafen, die auf breite Akzeptanz stoßen. Mit diesen Argumenten tritt Staatssekretärin Karoline Edtstadler (ÖVP) für Verschärfungen bei Sexualdelikten und bei Gewaltdelikten gegen Frauen und Kinder ein. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Strafrechtlerin Katharina Beclin über die Reformpläne.

"Wiener Zeitung": Frau Beclin, was halten Sie von diesen Argumenten? Sollte man auf diese (angebliche oder tatsächliche) Meinung in der Bevölkerung Rücksicht nehmen?

Katharina Beclin: Nein. Die Meinung in der Bevölkerung beruht auf der falschen Annahme, dass eine höhere Strafe zu mehr Gerechtigkeit führt. Opferbefragungen haben aber ergeben: Die Opfer haben kaum ein Interesse an einer höheren Strafe. Sie wollen finanzielle Unterstützungen bekommen - etwa Schadenersatz oder einen Kostenzuschuss für die teure Therapie. Zudem wollen sie, dass der Täter keine weitere Tat begeht. Und das ist viel eher gewährleistet, wenn der Täter eine Therapie macht. Die Haft ist keine sinnvolle Prävention. Sie ruiniert den Menschen höchstens vollkommen.

Was meinen Sie damit?

Eine Haftstrafe schockiert und schränkt ein. Sogar Menschen, die nur wenige Tage in Haft waren, fällt es bisweilen schon schwer, ihren Lebensalltag nach der Entlassung wieder zu meistern. Denn die Haftstrafe führt zu Kontrollverlust, und längere Haftstrafen sogar zu einem Abbau an Hirnsubstanz. Es ist fast schon mittelalterlich, zu glauben, mit höheren Haftstrafen Probleme lösen zu können. Eine kurzfristige Haftstrafe, die mit einer Therapie kombiniert wird, ist viel sinnvoller als eine lange Haftstrafe.

Schrecken höhere Haftstrafen nicht mehr ab als kurze?

In Studien hat man immer wieder versucht, einen Konnex zwischen höheren Strafen und einer besseren Abschreckung nachzuweisen. Das ist bisher aber noch nie gelungen. Und solange es nicht gelingt, das nachzuweisen, gibt es aus menschenrechtlicher Sicht das Verbot, die Strafe zu erhöhen. Denn ich darf ja nur die Eingriffe in die Menschenrechte vornehmen, für die es keine sinnvolle Alternative gibt.

Was schreckt einen Täter dann ab?

Entscheidend ist die Anzeige- und Entdeckungswahrscheinlichkeit. Das zeigen Studien. Je wahrscheinlicher ist, dass ich erwischt und verurteilt werde, desto eher werde ich das strafbare Verhalten vermeiden. Diese Wahrscheinlichkeit ist bei Sexualstraftaten aber sehr gering.