Abgesehen davon, habe ich durch die Spezialisierung unserer Kanzlei die Möglichkeit, mich fast ausschließlich mit jenen Rechtsgebieten auseinandersetzen zu dürfen, die mir liegen und Spaß machen. Dieser Umstand ist ein Luxus, den nicht jeder Anwalt leben darf.

Es war schon immer mein Wunsch, Rechtsanwältin zu werden, auch wenn ich mir den Beruf damals noch anders vorgestellt habe. Trotz aller Höhen und Tiefen, die man im Laufe der Jahre durchlebt, würde ich meinen Weg immer wieder genauso gehen."

Jakob Kisser. - © Rahmann
Jakob Kisser. - © Rahmann

Mag. Jakob Kisser,40 Jahre alt. 2009 bis 2017 Counsel und Director Knowledge & Compliance bei Schönherr, seit wenigen Wochen selbständiger Rechtsanwalt, Northcote.Recht in Wien. Unternehmensgründer, KMU, Corporate M&A, Aufbau interner Prozesse und Compliance von Kanzleien (insbesondere Geldwäsche und Datenschutz).

"Ich stehe ganz am Anfang, habe die Planungsphase abgeschlossen und starte nach einem langen Urlaub mit voller Energie in die Selbständigkeit. Bis dahin war es ein langer Prozess. Seit 2004 war ich durchgehend für Großkanzleien tätig (Fiebinger&Polak, Freshfields und Schönherr). Dass ich in diesen Strukturen nicht alt werde, war mir immer klar. Mit dem Gedanken an die Selbständigkeit habe ich - wie viele Kollegen - lange gespielt. Abgehalten haben mich die üblichen Bedenken: die Aufgabe der finanziellen Sicherheit, der große Wettbewerb und interessanterweise auch die Vermutung, möglicherweise sogar zu spezialisiert zu sein. Umgekehrt hatte ich schon immer das starke Bauchgefühl, irgendwann unternehmerisch tätig zu werden. Anfang 2017 war ich dann plötzlich sicher, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Vorbereitet habe ich mich etwa ein halbes Jahr. Die Unterstützung der Kammer habe ich nicht in Anspruch genommen, sondern vor allem Anregungen ehemaliger Kollegen eingeholt, die den Umstieg bereits hinter sich haben. Mut macht die Tatsache, dass ohne Ausnahme alle ihren Weg gefunden haben. Bei mir ist dann zunehmend das Vertrauen gewachsen, dass es funktionieren wird.

Die Ausbildung und Sozialisierung in der Großkanzlei hat viele Vorteile: hoher Spezialisierungsgrad, Perfektionismus im positiven Sinn, hohe sprachliche und formale Qualität der Arbeit, wichtige Kontakte zu ehemaligen Kollegen, die nun zum Beispiel Rechtsabteilungsleiter oder Geschäftsführer sind, und allgemein die Fähigkeit zu strukturiertem Arbeiten.

In der Selbständigkeit will ich all dies nutzen. Natürlich werde ich - zumindest zu Beginn - nicht die großvolumigen Transaktionen der Großkanzleien betreuen. Mein Betätigungsfeld hat sich aber ohnehin schon während der letzten Jahre zu jungen Unternehmen hin verschoben - zum Beispiel Unternehmensgründungen, Einstieg von Investoren -, was mir jetzt zugutekommt.

Mein Plan für die Zukunft ist daher, die Gründungsberatung und die allgemeine gesellschafts- und zivilrechtliche Beratung von Klein- und Mittelunternehmen zu forcieren und andererseits Kanzleien beim Aufbau interner Strukturen und Prozesse in den Bereichen Compliance (Geldwäsche und Datenschutz) und Knowledge Management zu beraten. Darüber hinaus investiere ich viel Zeit in den Bereich Digitalisierung und Legal Tech, der zunehmend Fahrt aufnimmt und den Rechtsmarkt immer stärker beeinflusst. Als Anwalt sollte man darauf achten, in jenen Bereichen zu arbeiten, die durch die Automatisierung nicht ersetzt werden können.