Um als selbständiger Anwalt leben zu können, muss man angesichts der hohen Kosten zumindest 6000 bis 7000 Euro im Monat verdienen. Auf der anderen Seite kommt dieser Betrag relativ schnell auch ohne Riesenmandate zusammen. Ich plane, heuer zumindest mit einer schwarzen Null abzuschließen und ab dem nächsten Jahr ordentlich zu verdienen.

Sich ständig weiterzuentwickeln, komplexe Aufgaben bewältigen zu können, gute und belastbare Beziehungen zu Mandanten und Kollegen zu entwickeln und zu pflegen, Unternehmen geschäftlich zu begleiten: Das sind die Gründe, warum ich Anwalt geworden bin und mich selbständig gemacht habe.

Faszinierend finde ich, welche Türen sich öffnen, sobald man den Entschluss gefasst und den Schalter umgelegt hat. Lose Ideen, Erfahrungen und Bekanntschaften fügen sich plötzlich zusammen, alte Kollegen rufen wegen Aufträgen an, es ist eine spannende Zeit. Ich kann allen Gleichgesinnten nur raten, den Schritt zu wagen."

Barbara Jakubowics. - © Rahmann
Barbara Jakubowics. - © Rahmann

Mag. Barbara Jakubowics, LL.M., 38 Jahre alt. Seit 2011 Rechtsanwältin und seit 2017 selbständige Rechtsanwältin, Northcote.Recht in Wien. Arbeitsrecht, Finanzierung und Gesellschaftsrecht mit Schwerpunkt FinTech.

"Richtig große Hürden auf dem Weg in die Selbständigkeit gibt es nicht, es muss nur alles gut geplant sein, damit es keine bösen Überraschungen gibt. Finanziell kam es für mich anders als erwartet, weil die Einkunftsituation im ersten Jahr nicht vorhersehbar und projektbezogener ist. Ein paar große Aufträge, und dann wieder aktives Business Development ist fordernd und anders als das klassische Abarbeiten in der Großkanzlei. Die Konkurrenz am Markt ist groß. Aber mit einer klaren Spezialisierung, Erfahrung und einem guten Netzwerk macht man sich rasch einen guten Namen.

Man darf nicht den Fehler machen, zu glauben, dass man als Anwalt nur einen Computer braucht. Es gibt zahlreiche Fixkosten wie die Abgabe an die Rechtsanwaltskammer, die Berufshaftpflichtversicherung, die private Versicherung, Kosten für die Homepage und für Online-Zugänge zu Datenbanken, zum Beispiel zur Gerichtsdatenbank. Das ist aber kein Grund zur Panik. Es ist gut, wenn man genügend ,Polster‘ hat, um das Geschäft zu entwickeln.

Kanzleiräumlichkeiten brauche ich auch nicht, weil ich zu Northcote.Recht gekommen bin, eine Kanzlei- und Infrastrukturgemeinschaft. Der Beitrag, den jeder zahlt, ist von den individuellen Leistungen, die er bezieht, abhängig, dafür haben wir ein Büro, IT-Infrastruktur, Konferenzräume, den Zugang zu allen Datenbanken, Marketing und eine Sekretariatsbetreuung. Also jemanden, der Termine ausmacht, Klienten am Telefon betreut, Klienten begrüßt und Kaffee anbietet. Außerdem kann man sich mit den anderen auf gutem fachlichen Niveau austauschen und ist nicht allein.

Meine Spezialisierung Finanzierungs- und Gesellschaftsrecht hat sich nach dem Studium und dem Gerichtsjahr ergeben. Ich fand das schon immer interessant und habe dann in der Großkanzlei, in der ich lange Zeit gearbeitet habe, große Transaktionen im Zuge von Unternehmenskäufen und -fusionen betreut. Teilweise waren das Milliardenbeträge. Ich fand das toll, es machte inhaltlich Spaß, und ich habe mich auf Unternehmenskäufe und Finanzierungen spezialisiert.Als selbständige Rechtsanwältin muss man die richtigen Mandanten für sich finden, denn Großbanken mit ihren Geschäften wenden sich eher an Großkanzleien. Unternehmen des Mittelstandes schätzen die fachliche Expertise kombiniert mit meiner Flexibilität sehr. Dafür habe ich jetzt aber eine selbstbestimmtere Work-Life-Balance. Bevor man den Schritt in die Selbständigkeit wagt, sollte man sich aber unbedingt die Fragen stellen: ,Welche Zielgruppe habe ich? Wo sehe ich mich?‘

Was ich persönlich nie sein möchte, ist ,Wald- und Wiesenanwalt‘, der alle Rechtsgebiete abdecken soll. Es gibt so viele Rechtsbereiche, so viele Spezialisierungen. Man muss so sorgfältig sein - und auch den Mut haben, zu sagen: ,Da kenn’ ich mich aus und hier nicht.‘

Meine Eltern haben mich bei meiner Entscheidung unterstützt. Sie sind auch selbständig, allerdings keine Juristen, sondern haben mit Anfang 20 die Unternehmen ihrer Eltern übernommen. Nur bei meiner Großmutter, sie ist 82, hatte ich ein bisschen die Sorge, dass sie Angst um mich hat. Aber sie hat gesagt: ,Barbara, warum hast du das nicht schon viel früher gemacht?‘"

***Wissen***

Wer als Rechtsanwalt tätig sein will, muss eine mehrstufige Ausbildung in Theorie und Praxis absolvieren. Grundvoraussetzung ist ein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften sowie eine fünfjährige praktische Berufsausbildung. Im Rahmen dessen müssen mindestens sieben Monate bei Gericht und mindestens drei Jahre in der Kanzlei eines Rechtsanwaltes als Berufsanwärter verbracht werden. In dieser Zeit müssen vorgeschriebene Ausbildungsveranstaltungen im Ausmaß von mindestens 42 Halbtagen absolviert werden.

Auf Basis dieses Wissens und der praktischen Erfahrung tritt der künftige Rechtsanwalt zur Rechtsanwaltsprüfung vor einer Kommission des Oberlandesgerichtes an. Nach erfolgreicher Prüfung und einer positiven Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit durch den Ausschuss der Rechtsanwaltskammer kann die Eintragung in die bei der Rechtsanwaltskammer geführte Liste erfolgen. Erst dann ist der Rechtsanwalt berechtigt, eine Kanzlei selbständig zu führen (nähere Infos unter www.rakwien.at).

Als Hilfestellungen für junge Rechtsanwälte beziehungsweise Rechtsanwaltsanwärter bieten die Rechtsanwaltskammern zum Beispiel Junganwältetage (www.junganwaeltetag.at) oder ein Gründerservice an. Auf der Webseite des Österreichischen Rechtsanwaltskammertages findet man einen Info-Guide für Rechtsanwaltsanwärter und eine Broschüre zur Thematik Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung.