Diesen Aussagen schenken die Kläger keinen Glauben. Der Rechtsstreit wandert bis zum Obersten Gerichtshof. Die Kläger wenden sich an das Höchstgericht, nachdem die Vorinstanzen die einstweilige Verfügung nicht erlassen haben. Doch auch beim OGH (6 Ob 2/17p) dringen sie nicht durch. So wie von den Vorinstanzen ausgeführt, stehe nicht fest, dass auf dem Foto Wegerer abgebildet sei. Und die "zufällige Ähnlichkeit des Abgebildeten mit dem Vater der Kläger allein" begründe keinen Unterlassungsanspruch, erklärt der OGH im Jänner 2017.

Zwar wird mit dieser Entscheidung das Provisorialverfahren abgeschlossen (eine einstweilige Verfügung dient nur der vorläufigen Sicherung gerichtlicher Ansprüche). Der Rechtsstreit ist damit aber noch lange nicht beendet. In einem zivilrechtlichen Hauptverfahren versuchen die Kläger (vertreten durch B&S Böhmdorfer Schender Rechtsanwälte) nun durch Zeugen nachzuweisen, dass es sich sehr wohl um Herrn Wegerer handle.

Die verfahrensgegenständlichen Schockbilder bereiten der EU-Kommission in der Zwischenzeit nicht nur in Österreich Probleme. Im April 2017 meldet sich eine 42-jährige Frau aus dem englischen Essex. Sie ist sich sicher, dass der an die Schläuche angeschlossene Mann zu "110 Prozent" ihr Vater sei. Er sei während eines Spitalaufenthaltes gegen seinen Willen fotografiert worden, sagt die 42-jährige Engländerin. Mittlerweile gibt es laut Angaben der EU-Kommission bereits 80 ähnlich gelagerte Fälle, die sich alle auf diese zwei Schockbilder beziehen.

Agentur stellt sich tot

Aber zurück nach Österreich: Das zivilrechtliche Hauptverfahren vor dem Handelsgericht Wien ist im vollen Gange. Im November 2017 werden unter anderem die Witwe, der Pfarrer, Freunde und ein Arzt des Verstorbenen befragt. Sie geben alle an: Für sie ist der Abgebildete Herr Wegerer. Gottfried Korn, der Rechtsvertreter der WZ, setzt unterdessen auf die EU-Kommission. Monatelange Recherchen folgen. Welcher Fotograf die Fotos aufgenommen hat, wo sie genau aufgenommen wurden: Diese Fragen können nicht beantwortet werden. Es stellt sich heraus: Die EU-Kommission hat die Fotos von der deutschen PR-Agentur "mc group" machen lassen. Diese Agentur stellt sich tot. Die zahlreichen an sie gerichteten Anfragen ignoriert sie einfach.

Einblick in die Arbeit dieser Agentur liefert allerdings ein Artikel des britischen "Guardian" vom 28. Jänner 2018. Darin berichtet ein Mann - unter Verletzung seiner Verschwiegenheitsverpflichtungen -, wie er zum Modell für zwei Schockbilder wurde. Er zog 2012 nach Berlin. Dort sah er eine Anzeige für Fotoshootings für Tabakwarnungen. Für 300 Euro ließ er sich in einem Leichensack und als deprimierten, zusammengekauerten Mann (daraus wird später eine Warnung gegen Impotenz) ablichten. Erst beim Start der Schockbildkampagne 2016 merkte er, dass er nun auf Millionen von Zigarettenpackungen europaweit zu sehen ist: "300 Euro für Millionen von Abbildungen meines nackten Körpers waren definitiv kein lukratives Geschäft." Die EU-Kommission bestreitet die Angaben des Mannes: Er sei umfassend und schriftlich über die Verwendung der Bilder aufgeklärt worden.