Ebenso gibt es im Zivil- und Strafverfahren Plattformen, die eine nachhaltige und effiziente Sichtung und Filterung einer großen Datenmenge erlauben.

Immer öfter kommen dabei erweiterte analytische Fähigkeiten dieser Tools - gerne als "Artificial Intelligence" ("AI", künstliche Intelligenz) bezeichnet - zum Einsatz. Diese Anwendungen verstehen etwa, was eine "change of control clause" (Änderung der Kontrollklausel) in einem Vertrag ist, ohne dass diese Wörter im Text vorkommen. Ebenso können neuartige "early case assessment tools" (Werkzeuge zur frühzeitigen Bewertung) erkennen, ob in einer Datenmenge ein Hinweis auf betrügerisches Verhalten vorliegt oder ein (fast) beliebiges anderes Thema.

Es wird offensichtlich, dass solche Anwendungen dem Anwalt erlauben, wesentliche Informationen mit hoher Zuverlässigkeit aus einer fast beliebigen Anzahl an Dokumenten zu extrahieren und so die notwendigen Effizienzgewinne in der Arbeit zu erzielen beziehungsweise überhaupt den Überblick über die zugrunde liegende Information zu erhalten.

Wann ist also der richtige Zeitpunkt zum Einstieg? Die Antwort ist wohl: gestern. Der Markt und die Menge an Informationen erlaubten bislang eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Thema. Dies ändert sich nun rasch und scheint trotz aller medialer Aufmerksamkeit viele dennoch zu überraschen. Je nach Fachwissen und Offenheit zum Thema kann man sich natürlich darauf konzentrieren, etablierte Themen zu übernehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Man könnte aber auch mit etwas mehr Risikobereitschaft dem Mandanten mehr bieten, als er/sie anderswo am Markt finden kann.

Für den ersten Ansatz spricht die Tatsache, dass das Lehrgeld bereits von anderen bezahlt wurde, für den letzteren, dass es ein Alleinstellungsmerkmal darstellen kann - angesichts immer engerer Leistungsdichte ein interessantes Versprechen.

Juristen von künstlicher Intelligenz nicht verdrängt

Was hält also viele noch davon ab, einzusteigen? Angst vor Kompetenzverlust und sinkender Profitabilität - jedoch zeigt sie klar ein falsches Verständnis des Themas. Wie erwähnt zielt Legal Technology am stärksten darauf ab, geringwertige Prozesse zu automatisieren, und dafür sind Mandanten ohnedies immer weniger bereit zu zahlen. Außerdem ist "AI" noch weit davon entfernt, den Juristen zu ersetzen. Die erfolgreiche Implementierung dieser Technologien erfordert die Interaktion des Juristen mit der Technologie auf hohem Niveau oder in anderen Worten: Die Qualität des Ergebnisses wird stark von der Qualität des Juristen bestimmt.

Legal Technology ist jedenfalls kein Hype, der auch schon bald wieder vorübergeht, sondern die Antwort auf die Anforderungen des Marktes. Die Anwaltsbranche befindet sich in einer Phase starker Evolution, doch jede Evolution, die man nicht mitgestaltet, wird zur Revolution, die einen überrollt.