Sabine Schuh ist seit 2015 Kammeramts direktorin der Rechtsanwaltskammer Wien und mit der Einführung des elektronischen Aktes betraut. - © privat
Sabine Schuh ist seit 2015 Kammeramts direktorin der Rechtsanwaltskammer Wien und mit der Einführung des elektronischen Aktes betraut. - © privat

Wien. Es gibt etwa 6000 Anwälte in Österreich, und fast alle Kanzleien verwenden ein Anwaltsprogramm. Darüber hinausgehende Digitalisierungswerkzeuge nutzen vermutlich ein Drittel, künstliche Intelligenz oder komplexes Machine Learning (Wissenserwerb mit Hilfe selbstlernender Algorithmen, Anm.) nur zwei Handvoll, sagt Juristin Sophie Martinetz. Gemeinsam mit Sabine Schuh, Kammeramtsdirektorin der Rechtsanwaltskammer Wien, erzählt sie im Interview mit der "Wiener Zeitung", inwieweit das Thema Legal Tech noch in den Kinderschuhen steckt - dass es aber auch keinen Weg zurück mehr gibt.

"Wiener Zeitung": In welchen speziellen Bereichen hat sich Legal Tech bereits etabliert?

Sophie Martinetz:Es geht sicher vom Großen ins Kleine. Also im Bereich von großen Due Diligences (Prüfung von Chancen und Risiken bei der Übernahme eines Unternehmens, Anm.), vor allem aber bei internen Abläufen und Prozessen kommt Legal Tech schon zum Einsatz, um schneller und effizienter in der Kanzlei zu sein.

Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, eine unabhängige Plattform für Legal Tech. www.future-law.at - © privat
Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, eine unabhängige Plattform für Legal Tech. www.future-law.at - © privat

Sabine Schuh: Bei der Recherche, Prozessoptimierungen, elektronischen Aktführung.

Falls Routinetätigkeiten wie diese vom Computer übernommen werden - wird dann die Arbeit der Konzipienten überflüssig?

- © Adobe/ phonlamaiphoto
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Martinetz: Nein, jeder fängt einmal an. Aber früher hat der Junganwalt ja auch noch zu Gericht gehen müssen und eine Grundbuchseite abgeschrieben oder Tage im Datenraum als lebendige Abschreib- und Diktiermaschine verbracht. Und heute ist das Aufgabengebiet ein ganz anderes und interessant. Es fallen generell Aufgaben weg, dafür entstehen neue: das Wissen, wie IT-Programme und Legal Tech anzuwenden sind. Wie das Wissen verwaltet wird. Wie Prozesse und Abläufe optimiert werden. Es wird sich etwas ändern, aber da bleibt genug Zeit, um mitzuwachsen.

Schuh:Eine solide Ausbildung in den Informations- und Kommunikationstechnologien ist wie in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft auch beim Anwaltsberuf nicht mehr wegzudenken. Ganz wichtig ist, dass zukünftige Generationen im Bereich Media-Literacy geschult werden: Das Unterscheiden seriöser Recherche-Quellen von unseriösen wird jedenfalls eine Basisfähigkeit sein müssen.

Wie reagieren Hochschulen in der Juristenausbildung auf Legal Tech?

Schuh: Ohne das nun genau recherchiert zu haben, denke ich, dass es hier in allen Bereichen (bereits in den Grundschulen) einen enormen Aufholbedarf gibt, um mit den Herausforderungen des digitalen Fortschrittes mithalten zu können und von der Technik nicht diktiert zu werden, sondern von dieser unterstützt zu werden.