Salzburg/Bayreuth/Wien. Sie hat abgesagt. Und was jetzt? Schwangerschaft? Burn out? Oder schlicht ein gemeinsamer Urlaub auf Kosten der Fans? Die Gerüchteküche brodelt. Ja, dürfen’s denn das?

Anna Netrebko hat bei den Salzburger Festspielen eine von drei Aufführung der "Adriana Lecouvreur" Francesco Cileas hingeschmissen. Darauf folgte die Absage der Bayreuther "Lohengrin"-Elsa. Sie brauche Ruhe, ließ die Netrebko verlauten. Kaum war‘s vollbracht, feierten sie und Eyvazov samt seiner Großfamilie in Baku den 75. Geburtstag von seiner Mutter Shafiga. Zufälliges Zusammentreffen oder kausale Koinzidenz? Während einige Fans ihrem Sopranidol baldige Besserung wünschen, steigt bei anderen der Ansäuerungsgrad beträchtlich.

Er kam, probte und sagte ab: Carlos Kleiber. - © apa/Schneider
Er kam, probte und sagte ab: Carlos Kleiber. - © apa/Schneider

Der Wurm in der Klassik-Szene

Anna Netrebko ist zu professionell, um sich um negative Reaktionen auf ihr Verhalten zu kümmern. Sollte sie dennoch ein ungutes Gefühl verspüren, sind Feuilleton-Artikel, die für sie Mitgefühl fordern und erklären, weshalb sowieso alles im Lot ist, Balsam auf ihre Seele. Da wird die ärztlich und auch selbst verordnete Auszeit gleich erträglicher. Ja, sie wird wiederkommen, und wenn sie wiederkommt, dann hat sie den Phönix-aus-der-Asche-Bonus und man wird sie noch mehr lieben und feiern als zuvor. Um das zu wissen, bedarf es keiner prophetischen Gaben.

Auftritte nur zu ihren Bedingungen: Maria Callas. - © afp
Auftritte nur zu ihren Bedingungen: Maria Callas. - © afp

In Wahrheit ist gar nichts in Ordnung. In der gesamten Klassik-Szene sitzt der Wurm. Aber das liegt nicht an Anna Netrebko. Es ist systemimmanent.

Begonnen hat es anno Karajan: Der geniale Dirigent hatte eine Nase für zeitgemäße Entwicklungen. Als erster begriff er den Einfluss der Tonträger auf das Live-Geschehen. Wenn man die Stars auf Platte und CD hören kann, müssen Opern- und Konzerthäuser ihrem Publikum auch diese Stars quasi zum Anfassen bieten. Für die Stars steigen die Verdienstmöglichkeiten - und der Stress. Zum Hochleistungssport des Auftritts kommt der Jetlag. Glamour schützt nicht vor dem Hamsterrad.

Die prominenteste Absagerin der Saison: Anna Netrebko und ihr Mann Yusif Eyvazov. - © apa/Franz Neumayr
Die prominenteste Absagerin der Saison: Anna Netrebko und ihr Mann Yusif Eyvazov. - © apa/Franz Neumayr

Nur die Stars zählen

Das Publikum wiederum hat sich längst abgewöhnt, der Oper wegen in die Oper zu gehen. Man kommt, um seinen Star zu hören. Sagt er ab, ist die Aufführung nichts wert.

Wie sehr man mit dieser Einstellung die anderen Mitwirkenden, zu schweigen von den Schöpfern des Werks, herabsetzt, überlegt dabei kaum jemand. Als nach einer prominenten Absage an der Wiener Staatsoper der damalige Direktor Ioan Holender nicht bereit war, die Karten zurückzunehmen, denn, sagte er, man habe eine "Traviata"-Aufführung gekauft und nicht den Auftritt eines bestimmten Stars, mochte das die Realität verweigern - aber es war ein grundmusikalisches Statement.

Und in der Vergangenheit - wer hat nicht aller abgesagt! Maria Callas, Primadonna assoluta aller Zeiten, trat nur zu ihren Bedingungen auf. Konnte man ihre Wünsche nicht erfüllen, ging sie. Bei René Kollo, dem überragenden Wagner-Tenor seiner Zeit, fragte man sich vor jeder Aufführung: Singt er, sagt er ab, oder lässt er sich als indisponiert ansagen? Und den Dirigenten Carlos Kleiber zu engagieren, war sowieso ein Pokerspiel: Es genügten Kleinigkeiten, um ihn in die Flucht zu schlagen.

Genau das aber gehört mit zum Reiz des Live-Geschehens. Seiner Stars ganz sicher kann nur der sein, der sich auf Tonkonserven beschränkt.

Ach ja - und nicht vergessen: 1943 sagte der Dirigent Bruno Walter einen Auftritt mit den New Yorker Philharmonikern ab. Der unbekannte Einspringer sollte ein Star werden. Wer dabei gewesen ist, hat die Geburt der Ära Leonard Bernsteins erlebt.