(irr) Auf diesen Termin ist Verlass: Rund um Ferragosto, wenn ganz Italien die Strände und Hotels stürmt, begibt sich Riccardo Muti alljährlich auf Dienstreise in den Norden. Der Pultstar aus Neapel nimmt dann in Salzburg vor den Wiener Philharmonikern Aufstellung und arbeitet sich an einem ehernen Wertekatalog ab. Schönheit, Erhabenheit, Präzision: Das sind die Tugenden, die der Maestro alten Schlags verkörpert.

Sie stehen dem Requiem von Giuseppe Verdi, diesem Mischling aus erbaulicher Opulenz und opernhafter Klage, freilich auch gut an, und so gelingt dem 78-Jährigen heuer im Großen Festspielhaus eine Sternstunde: Es ist dies eine Totenmesse zum Niederkien.

Einerseits setzt Muti eine Tempo-Dramaturgie ins Werk, die weder eilt noch schleppt und im Bedarfsfall sanft beschleunigt oder bremst, ohne den Zusammenhalt im Musikerapparat zu verlieren. Andererseits entsteht da eine Fülle an Wohlklang, die Muti zu majestätischer Form modelliert. Von einem "Dies irae" mit gestochen scharfem Blech und Weltuntergangs-Chor bis zu einem herzzerreißenden "Libera me" finden todesnahe Empfindungen hier zu einer solchen Klangsinnlichkeit, dass selbst Atheisten mit einem Religionseintritt liebäugeln dürften.

Lob für diese Leistung gebührt nicht nur Muti und einer philharmonischen Bestform, sondern auch der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor mit ihren glockenhellen Frauenstimmen. Auch das Solistenquartett besticht: Allein der intensive Tenor von Francesco Meli irritiert hie und da durch schrille Heftigkeit; Ildar Abdrazakov imponiert dagegen mit einem eindringlichen Bass, Krassimira Stoyanova mit einem Engelssopran und Anita Rachvelishvili mit einem Mezzo, der mühelos einen ganzen Chor in den Schatten singen könnte.