Frauenfiguren voll Schrecken und Komik: Dramatikerin Theresia Walser. - © Salzburger Festspiele
Frauenfiguren voll Schrecken und Komik: Dramatikerin Theresia Walser. - © Salzburger Festspiele

Den Beginn der Salzburger Festspiele markierte zwar eine Uraufführung - Hofmannsthals "Jedermann" auf dem Domplatz in der Regie von Max Reinhardt. Doch dabei blieb es weitgehend. In der langen Geschichte des Elitefestivals kam es danach nur noch selten zu Erstaufführungen. Beim Schauspiel setzte man interessanterweise noch mehr noch als in der Oper vor allem auf Bewährtes und Bekanntes. Meisterwerke des Weltdramas wurden rauf- und runtergespielt, bevorzugt Raimund und Nestroy.

So gesehen punktet Schauspiel-Intendantin Bettina Hering heuer mit einem Coup: In ihrer dritten Festspiel-Ausgabe bringt sie Theresia Walsers jüngstes Stück "Die Empörten" zur Uraufführung, Premiere ist am 19. August im Salzburger Landestheater. Zieht man hingegen die Ära von Festspielpräsident Josef Kauz (1971 bis 1982) heran, in der es in Salzburg immerhin zu fünf skandalumwitterten Thomas-Bernhard-Uraufführungen kam, wird deutlich, wie vorsichtig Hering an die Sache herangeht.

Entgleisungen und Abgründe

Theresia Walser gehört nämlich nicht zu jenen Gegenwartsautorinnen, die das Theater aus den Angeln heben. Ihre Stücke sind, konträr zum Zeitgeist, keine postdramatischen Entwürfe, sondern routinierte und sprachlich eingängige geradezu klassische Spielvorlagen. Auch Walsers kritische Haltung gegenüber dem Regietheater ist bekannt; in Salzburg wird Burkhard Kosminski die Uraufführung verantworten. Der 57-jährige Regisseur und Intendant in Stuttgart gilt als versierter Walser-Interpret, er hat bereits sieben Stücke der Autorin erstaufgeführt.

Bisher hat Walser an die 20 Stücke geschrieben, die regelmäßig Kritikerlob ernteten. Bereits ihre frühen Werke wie "Kleine Zweifel" und "Restpaare" brachten ihr 1998 im Branchenfachblatt "Theater heute" den Ehrentitel "beste Nachwuchsautorin" ein; im Jahr darauf gelang ihr mit der Altersheimgroteske "King Kongs Töchter" der Sprung zur "besten deutschsprachigen Autorin". Trotz dieser Anerkennungen wird sie kaum an großen Bühnen von namhaften Regisseuren inszeniert. Vielleicht gelingt in Salzburg die Trendwende?

Theresia Walser, 1967 als vierte Tochter des deutschen Großdichters Martin Walser in Friedrichshafen geboren, kam über Umwege zum Schreiben. Zunächst ließ sie sich zur Altenpflegerin ausbilden, später zur Schauspielerin, nach ersten Bühnenengagement, fing sie mit dem Stückeschreiben an. Ihr bevorzugtes Genre ist die Groteske, die Themenwahl spiegelt ein Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen.

In "Die Empörten" geht es etwa um Entgleisungen und Abgründe deutscher Regionalpolitik. Im Zentrum steht eine Bürgermeisterin, die wegen ihrer liberalen Flüchtlingspolitik kritisiert wird und um die Wiederwahl bangt.

In Salzburg wird jene Corinna Schaad, Bürgermeisterin der fingierten Stadt Irberstheim, von Burg-Schauspielerin Caroline Peters verkörpert; ihre Kontrahentin, Elsa Lerchenberg, spielt Silke Bodenbender.

Am Anfang des Stücks ereignet sich ein Unglück: Ein Auto rast in die Fußgängerzone, tötet einen Passanten und verletzt zahlreiche andere. Angeblich handelt es sich um ein Attentat, der Fahrer habe kurz vor dem Aufprall, der ihn das Leben kostete "Allahu akbar" gerufen. Ein Szenario wie ein Schnappschuss der Realität. Im Leichenschauhaus erkennt die Politikerin jedoch in dem vermeintlichen Attentäter ihren 19-jährigen Bruder. Da sie um ihre Karriere fürchtet, lässt sie die Leiche verschwinden.

Keine Sehnsuchtsbojen

Aus dieser bizarren Anfangssituation bezieht "Die Empörten" reichlich Komödienpotenzial und berührt das Schadstoffhaltige gegenwärtiger Regionalpolitik.

Die beiden Frauenfiguren erweisen sich als erbitterte politische Gegnerinnen. Wahre Furien. Überhaupt liefern Walsers Dramen besonders gutes Bühnenfutter für Frauen. In einem Interview äußerte sich die Autorin einmal dazu: "Frauen sieht man auf der Bühne noch immer am liebsten als hysterische, heulende Opfer, oder sie stehen als rätselhafte, unerreichbare Sehnsuchtsbojen herum. Es gibt nicht viele Frauenrollen, bei denen sich Komik und Schrecken treffen." Bei Walser sind solche Frauenfiguren Programm.