Zumindest das Ende bleibt einem im Gedächtnis. Während der lange Schlussakkord losseufzte, brandete im Großen Festspielhaus auch schon Applaus auf. Das hat kuriose Folgen. Tatsächlich: Die Wiener Philharmoniker haben bei den Salzburger Festspielen eine halbe Minute gespielt, ohne dass es eine Menschenseele gehört hätte.

Eilfertiges Klatschen gilt als Fauxpas in der Klassikwelt, und es ist zumindest in Salzburg ein Akt der Rücksichtslosigkeit: Kunstfreunde zahlen hier ein stattliches Sümmchen für ihren Hörgenuss. Am Donnerstag war der Mangel an Takt aber auch irgendwie nachvollziehbar: Das Bühnengeschehen hatte eine solche Zähflüssigkeit erreicht, dass der vorverlegte Beifall als Notwehr gelten durfte.

Unfreiwillige Komik

Die drei Stunden davor hatten dem "Simon Boccanegra" gegolten - nicht der größte Hit des Giuseppe Verdi, aber ein Klassiker zum Thema Tragik der Macht: Die Republik Genua hat einen integren Mann zum Dogen gewählt; doch auch dem gelingt es nicht, den Dauerclinch zwischen Patriziern und Plebejern abzustellen. Vielmehr räumt dieser mit ihm auf: Die Ära Boccanegra endet nach etlichen Intrigen mit einem Giftbecher.

Andreas Kriegenburg hat sich bemüht, diesen Stoff in die Gegenwart zu bugsieren. Auch heute tobt ein Flügelkampf, argumentiert er, nämlich zwischen den Linken und Rechten im Internet und in der Politik. Das stimmt schon. Das Problem ist nur: Kriegenburgs Doge kommt nicht in einer glaubwürdigen Gegenwart an. Die Bühne stellt realistische Ansprüche, kann diese aber nicht einlösen. Statt die Machtmechanismen des Social-Media-Zeitalters zu enthüllen, geht dieser "Simon Boccanegra" weitgehend in naiven Gegenwartsanleihen und Gimmicks des Regietheaters unter.

Ein Betonbau (Harald B. Thor), so wuchtig wie hohl anzusehen, füllt den Bühnenraum; Intriganten drücken sich die Wände entlang. Sie lauschen in ihre Handys hinein, betätigen sich mit Shitstorms und Tweets der Marke "Make Genua great again" als (eher unglaubwürdige) Königsmacher. Alle sind sie in Business-Outfits gehüllt, der Sicherheitsdienst trägt schneidige Sonnenbrillen.

Immerhin: Bis zur Pause herrscht in diesem Intrigenstadel ein schauspielerischer Hochbetrieb, spinnt sich ein Netz aus Verschwörungsgesten, Implosionen und Ausbrüchen: Kriegenburg zeigt Interesse an den dramatischen Verwicklungen. Nach der Pause schwinden diese Kräfte aber: Der Chor beginnt, mit den Wänden um das statischere Erscheinungsbild zu wetteifern, und die Hauptfiguren greifen vermehrt in die Mottenkiste der Operngesten. Wo die Regie noch auf Akzente abzielt, schießt sie sich selbst ins Knie. Was tut ein Konzertflügel der Marke Bösendorfer in dieser Betonwüste, warum döst der Doge nach dem giftigen Drink darauf eine Runde? Wie sinnvoll ist es, den Intriganten Paolo nach seinem Geschick zu befragen, wenn ihm eh schon ein dicker Galgen vom Hals baumelt? Und blickt Gabriele Adorno bei seiner Dogenkür zuletzt vielleicht darum so verdrossen drein, weil ihm als Thron ein Bürosessel zugewiesen wird?

Ein Glück: Das Ohr muss an diesem Abend nicht rätseln. Valery Gergiev, tief gebeugt über das Dirigentenpult, macht zwar wenig Federlesen um Nuancen, verfügt mit den Wiener Philharmonikern aber über "Simon"-kundige Garanten des Schönklangs. Mit dem berüchtigten Zahnstocher in der rechten Hand arbeitet sich der Russe zügig durch die Partitur und lässt Steigerungsbögen verlässlich in Sound-Detonationen gipfeln.

Klangsatte Stimmen

Die Sängerriege bringt dies nicht in Bedrängnis: René Pape, derzeit wohl der weltbeste Bass, schenkt dem Fiesco sämige Fülle und noble Diktion; Marina Rebeka (Amelia), am Donnerstag womöglich etwas angeschlagen, gießt dringliche Wucht in gerundete Phrasen. Und Charles Castronovo verleiht dem Gabriele Adorno den Inbegriff einer Tenorstimme: kernig im Kampf, pomadig im Liebesschwur. Der Harnisch-Bariton von André Heyboer wiederum steht dem garstigen Paolo bestens an, und die Stimme von Luca Salsi verfügt über hinreichend Klangfarben, um den Charakterkopf Simon zu porträtieren: Pastos-dunkel im Konflikt, pastellzart im Familienglück.

Schlussendlich Jubel für die Sängerriege, Dirigent Gergiev und die klangschöne Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Als Kriegenburg auf die Bühne tritt, allerdings weder Bravo- noch Buh-Rufe: Der Applaus flaute an der Stelle lediglich ein wenig ab. Auch ein Statement am Ende der heuer letzten Opernpremiere der Salzburger Festspiele.