Liliom wütet. Er liegt im Clinch mit dem Himmelstor, das ihm, dem Selbstmörder und Brutalo, den Zutritt verwehrt. Da mag er rütteln und toben - das Tor zur ewigen Seligkeit, dargestellt als schmaler Durchgang in einer schmutzig-weißen Containerwand, bleibt verschlossen. Die Szene vor dem Himmelseingang läutet in Ferenc Molnárs Klassiker "Liliom" den finalen Akt ein - den vergeblichen Versuch der titelgebenden Figur, Läuterung zu erlangen. In der Deutung von Regisseur Kornél Mundruczó steht die Episode dagegen am Beginn der zweistündigen "Liliom"-Inszenierung, die im Rahmen der Salzburger Festspiele auf der Perner Insel in Hallein Premiere feierte.

Freihändige Umgestaltung

Mundruczó interpretiert das Drama vom Ende her. Ein ungewöhnlicher Coup, der eine gänzlich andere Sicht auf ein altbekanntes Stück ermöglicht. Zwischen Himmel und Erde arrangiert der ungarische Regisseur eine Art Jüngstes Gericht in Form einer Versuchsanordnung, die den Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit sucht. In Mundruczós freihändiger Umgestaltung der Vorlage erscheinen die himmlischen Mitarbeiter als neun prototypische Vertreter des 21. Jahrhunderts: #MeToo-geeicht und genderbewusst; hip und queer. Liliom, prototypische Elendsgestalt des frühen 20. Jahrhunderts, wird von diesen Gegenwartsmächten nach seinen Motiven befragt. Dahinter lauert die Frage: Kann es überhaupt einen profunden Austausch zwischen den Generationen geben - oder stehen sich die Gestrigen und Heutigen vielmehr ratlos und vorurteilsbeladen gegenüber? Mundruczós Inszenierung lässt den skurrilen Interventionen seiner modernen Engel freien Lauf und unterbricht mehrmals den linearen Handlungsverlauf. Auch wenn der Salzburger "Liliom" die Frage nicht bündig zu beantworten vermag, Mundruczós Ansatz mitunter etwas holpert und zuweilen ins Klischee abdriftet - einmal muss Frauenprügler Liliom 100 Mal "Ich bin Teil des repressiven Patriarchats" an das Himmelstor schreiben, wobei dessen Kommentar "Was soll das sein?" lautet - interessant sind die szenische Überlegungen allemal.

Liliom wird also aufgefordert, auf die Wendepunkte seines Lebens als Karussellausrufer, Filou und Kleinganove zurückzublicken, um Rechenschaft abzulegen. Der erste Auftritt gehört Maja Schöne. Sie spielt Julie Zimmer, Lilioms große Liebe, die zugleich sein Verderben bedeutet. Mit ihrer Freundin Marie (Yohanna Schwertfeger) ist sie minutenlang auf der weitläufigen Bühne beim Schnurspringen zu sehen. Julie und Marie lachen, schwitzen, schnaufen. Jörg Pohl geht als Liliom roh zur Sache. Er begrapscht die beiden Frauen, steckt ihnen die Zunge in die Münder. Jede Szene entwickelt sich blitzschnell und steuert auf die größtmögliche Katastrophe zu. Die Dialoge fallen denkbar knapp aus: Es geht weniger um Sprache, mehr um Körperlichkeit, die bei Liliom unversehens in Handgreiflichkeit übergeht: Küsse und Bisse. Eine Lebensmitschrift der sogenannten Unterschicht, naturtrüb und unplugged.