Die bittere Erkenntnis, dass die bisherige musikalische Wertordnung ausgedient hat: Gustav Mahler war nicht der Einzige, der das in den Nuller-Jahren des 20. Jahrhunderts schmerzlich erfasst hat. Seine Kindertotenlieder, 1905 uraufgeführt, spiegeln das nicht weniger unmittelbar als seine 1904 aus der Taufe gehobene Fünfte Symphonie. Beide Werke hat Daniel Barenboim aufs Programm des vorletzten "Philharmonischen" dieser Salzburger Festspiele gesetzt.

Daniel Barenboim. - © Peter Adamik/SF
Daniel Barenboim. - © Peter Adamik/SF

Und noch ein gutes Zusammentreffen: die deutsche Mezzosopranistin Okka von der Damerau, die mit souveräner Geradlinigkeit, ja einer frappierenden nachgestalterischen Unaufgeregtheit durch die fünf Orchesterlieder steuerte, und Barenboims Zugang zur Begleitung. Er gab dem Bläsersatz mehr Gewicht als den Streichern, die diesmal gar nicht oft aufrauschen durften. Das hat man durchaus mit mehr Emphase im Ohr, im Vokalen wie vom Orchesterklang her. Umso einprägender, wenn sich zuletzt "In diesem Wetter, in diesem Braus" die Seelenwetterlage jäh bessert und die Kinder im Licht der Flöten und hellen Streicher "wie in der Mutter Haus" ruhen - für diese letzte Strophe hat Okka von der Damerau auch eine ganz andere stimmliche Klangfarbe parat.

Die Fünfte: Die ersten drei Sätze könnten man schärfer, mit mehr Attacke angehen, als Barenboim, einer der Stilisten in Sachen Mahler, es zulässt. So wie Barenboim einer Verbindlichen seiner Zunft ist, scheint er in der Fünften zeigen zu wollen, wie sich Mahler den Auflösungsprozessen, wie sie in der Luft lagen, widersetzte. Eher wie ungefragte Geister drängten sie sich in die Notenzeilen. In Summe ein schlüssiges Narrativ: All die Gärkräfte, die sich breitmachen und die im Finalsatz so vehement weggewischt werden, versuchte Mahler schon in den Teilen zuvor teilweise zuzudecken.