Streitigkeiten, Skandale? Seltsam: Was einst zu den Salzburger Festspielen gehörte wie der überteuerte Sekt zur Pause, ist dem Hochglanz-Festival still und leise abhandengekommen. Hatte sich Intendant Alexander Pereira noch epische Budget-Schlachten mit den Landesmächtigen geliefert, ist unter Nachfolger Markus Hinterhäuser Friede eingekehrt. Ja, fast könnte man meinen, das Gezänk sei neuerdings ausgelagert worden - nämlich zu den Salzburger Osterfestspielen. Dort liegen einander Christian Thielemann und Nikolaus Bachler in den Haaren. Ein Zank, an dem aber weder der bisherige Alleinherrscher Thielemann schuld ist noch der künftige Ko-Chef Bachler, sondern die Politik im Hintergrund. Die meinte, ein Dream Team installiert zu haben, und verstrickte es in einem Kompetenz-Wirrwarr.

Teil-brillante Abende

Bei den Sommerfestspielen läuft es dagegen glatt, und das nicht nur hinter den Kulissen. Alle Opernpremieren der Saison sind geschlagen (mit Ausnahme der "Salome", einer Wiederaufnahme aus dem Vorjahr), und sie vermitteln ein stimmiges Bild: Jeder Abend verströmte Festspielglanz, erfüllte höchste Qualitätsansprüche. Nur: Diese Novitäten überzeugten nicht durch und durch, sondern bloß auf begrenztem Gebiet - szenisch, vokal oder orchestral. Ein Flop blieb somit aus. Der Sommer sah aber auch keine Produktion, die sich tief ins Gedächtnis gebrannt hätte, keinen Wurf, wie er Intendant Hinterhäuser in seinen ersten beiden Sommern geglückt ist: 2017 mit "Lear", im Folgejahr mit der furiosen "Salome".

Stattdessen also Glanz mit Trübung, schon zu Beginn mit Mozarts "Idomeneo". Regisseur Peter Sellars hat der Oper den Umweltschutzgedanken aufgepfropft: ein Thema von höchster Wichtigkeit, doch von nichtiger Wirkung im Zusammenspiel mit einem Mythos - noch dazu auf einer Bühne mit kitschigem Plastikmüll. Dennoch stellte sich in diesem Rahmen Intensität ein, weil sich die Musik unter Dirigent Teodor Currentzis naturgewaltig aufbäumte.

Ein Zwiespalt auch im "Simon Boccanegra": Regisseur Andreas Kriegenburg, 2017 hier glückreich mit "Lady Macbeth", setzte die Verdi-Oper in den Sand zeitgenössischer Beliebigkeit: Sein Simon strauchelt als Bürodoge an einer Handy-ringenden Belegschaft. Unter der Last platter Einfälle ging diesem Machtkampf rasch die Luft aus. Ein Problem, das die Vokalisten freilich nicht hatten: Samt und sonders Kraftwunder mit Sinn für Nuancen, adelten sie den Abend zu einem Sängerfest erster Güte.

Dieses Prädikat verdient sich wiederum "Orphée aux enfers" nicht. Die schillernde Travestie-Bühne, die Barrie Kosky errichten ließ, erwies sich weniger als Ort der edlen Töne als der springteufelhaften Energien. Respekt: Hier hat ein Komödienmeister mit leichter Hand eine treffsichere Pointenschleuder montiert - sie würde jedem Operettenhaus zur Ehre gereichen. Aber Salzburg, diesem Ort für den künstlerischen Ausnahmezustand? Die Festspiele hätten ihrem "Orpheus" zumindest etwas mehr Hirnschmalz vergönnen können. Der Musik von Jacques Offenbach wurden zugleich ja höchste Festspielwürden zuteil: Die Wiener Philharmoniker ließen sie unverhofft fein aus dem Graben perlen.

Gespaltenes Kritikerecho

Ein gespaltenes Kritikerecho fand auch die "Médée" von Luigi Cherubini, jedoch aus anderen Gründen. Regisseur Simon Stone hat die Mär von der Kindermörderin bildermächtig in eine Gegenwart der Flüchtlingskrise überführt. Ein Relevanzgewinn, fanden die einen; ein Verlust an mythischer Kraft, die anderen. Lob von allen Seiten? Setzte es nur für die "Alcina", ein Wunderwerk an szenischen und musikalischen Facetten. Als Übernahme von den Pfingstfestspielen jedoch kein Erfolg, den sich das Sommerfestival auf die Fahnen heften kann.

Bleibt als hellstes Highlight der "Œdipe". Auch hier zwar ein "Aber": Die Opernrarität von George Enescu hat ihre Problemzonen im lyrischen Bereich, und die Regiehandschrift von Universalkünstler Achim Freyer (85) ist bar eines Neuigkeitswerts. Dennoch gelingt es dem Meister der grotesken Puppen, den Mythos zwischen atmosphärischem Traumspiel und Rätselritual schaukeln zu lassen, während Dirigent Ingo Metzmacher die expressive Musik zum Leuchten bringt: ein Abend mit geringer Trübung. Und vielleicht ja ein Vorgeschmack auf den 100. Geburtstag des Festivals im kommenden Sommer, der - mit etwas mehr Künstlerglück - in hellem Festlicht strahlen könnte.