Vox populi - vox Dei: Standing ovations und minutenlanger Beifall am Sonntagabend im Großen Festspielhaus schon beim Auftritt der ganzen Sängergruppe vor der konzertanten Aufführung von Giuseppe Verdis "Luisa Miller". Die überbordende Begeisterung galt natürlich einem: Plácido Domingo.

Kurzzeitig also eine etwas überhitzte Fußballplatz-Atmosphäre, die durch "Bravo Domingo"-Rufe aus den hinteren Sitzreihen im Parterre mächtig aufgepeitscht wurde. Placido Domingo und #metoo? Er ist Publikumsliebling, jetzt erst recht, ältere Damen warten am Podiumsrand mit Blumensträußen. Die unlängst aufgepoppte Diskussion ließ die Festspielbesucher inhaltlich kalt, sie provozierte vorauseilende Begeisterung auf deutlich erhöhtem Domingo-Pegelstand. Und der ist schon im Normalfall nicht niedrig.

Nino Machaidze und Piotr Beczała. - © Salzburger Festspiele/Marco Borrelli
Nino Machaidze und Piotr Beczała. - © Salzburger Festspiele/Marco Borrelli

Die Vox populi votierte an diesem Abend, der ob der aktuellen Causa Domingo auch zu deutlich erhöhter Foto- und Fernsehkamera-Präsenz führte, nicht allein für Domingo: Auch Piotr Beczała hat minutenlangen Beifall eingeheimst, als er in der Rolle des Rodolfo, noch in ungetrübter Liebes-Reinheit und von Wurms Kabalen unberührt, seine Luisa anschmachtete. Der Publikumsgott kann durchaus gerecht sein.

Koloraturen wie Schmetterlinge

Von Sängerfesten ist meistens zu berichten, wenn die Festspiele konzertante Oper ausrichten. Für Verdis Luisa Miller gilt: sehr gute bis herzeigbare Einzelleistungen. Der Abend gehörte der Georgierin Nino Machaidze. Sie ist im Koloraturfach nicht minder präsent wie im Lyrisch-Dramatischen, und beides ist für die Titelrolle gleichermaßen gefragt. Wie diese "Königin der Herzen" (so der Eingangschor über sie) in ihrer ersten Arie mit perlenden Tönen mit Klarinetten und den anderen flatternden Holzbläsern wetteifert - so fühlen sich eben die Schmetterlinge einer frisch Verliebten an.

Sonst war eher eine gewisse sängerische Geradlinigkeit Merkmal dieses Opernabends, immer hart an der Grenze zur Übersteuerung. Damit meinen wir beileibe nicht nur den Sänger des intriganten Wurm, John Relyea: Man kann den finsteren Bösewicht, der des Basses Urgewalt vor sich herträgt, auch übertreiben. Auch ein geeichter Verdi-Bass wie Roberto Tagliavini (Graf Walter) hatte gegen diesen vorlaut seine Kabalen spinnenden Wurm wenig Chance.

Dass die Aufführung seitens Mozarteumorchesters einige Wünsche hinsichtlich der Farbigkeit offenließ, ist dem Dirigenten anzulasten. James Conlon hat seinen Verdi im kleinen Finger der linken Hand, und man hätte sich einige Male gewünscht, dass die Rechte assistierend beigesprungen wäre. Da wäre noch Luft nach oben gewesen. Die Mezzosopranistin Yulia Matochkina (Federica) hätte mehr gestalterische Assistenz vom Pult her vertragen, aber auch Beczała, der die Gefühlslagen des Rodolfo mit dem ihm eigenen Charme hinaus trompetet. Leider kein Abend der Differenzierung.

Und Domingo? Lebenslang erfahren, wählt er für sich die Rollen seit Langem so, dass er sich selbst nicht überfordert. Der alte Miller in Domingo-Ausformung: ein überaus besorgter Großvater seiner Luisa, misstrauisch der Kabale wie der Liebe gegenüber. Dass selbst die Ältesten im Restensemble höchstens halb so alt sind wie Domingo und man das gerade dann mitbekommt, wenn die Lautstärkeschraube stark nach rechts gedreht wird - wen wundert’s?