Dem "Glauben an die Kraft der Kunst in düsteren Zeiten" verdanken die Salzburger Festspiele ihre Existenz, weiß deren langjährige Präsidentin Helga Rabl-Stadler aus der 100-jährigen Geschichte des Festivals: "Ich käme mir wie eine Verräterin vor, würde ich nicht für die Abhaltung auch in Corona-Zeiten kämpfen." Ein Gespräch über den Jahrhundert-"Jedermann", politisches Eisbrechen, penible Kontakttagebücher und bedrohliche Stille.

"Wiener Zeitung": Es wäre finanziell und organisatorisch einfacher gewesen, die Festspiele abzusagen, lautet Ihre Analyse. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?


Links
Salzburger Festspiele
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Helga Rabl-Stadler: Zuerst einmal wegen des Jubiläums. Die Festspiele heuer ausfallen zu lassen, war undenkbar. Ich hätte mich ob des Kleinmuts, nicht zu spielen, vor den Gründervätern geschämt. Auch vor der Generation nach 1945, da wurde drei Monate nach Kriegsende wieder gespielt. Das war ja eine sehr politische Aktion. Als Zeichen dafür, dass Österreich bald wieder frei ist. Zum anderen war Intendant Markus Hinterhäuser und mir sehr bald klar, dass wir geradezu eine Verantwortung für ein Zeichen der Kraft der Kunst in kraftlosen Zeiten haben. Wie da alle nach der Reihe abgesagt haben im Frühjahr! Das war mir völlig unverständlich. Dass wir den "Jedermann" am 22. August, also am 100. Geburtstag, im Freien und damit mit geringer Ansteckungsgefahr spielen wollen, war schnell klar. Und ein Konzert der Wiener Philharmoniker, die ja zur DNA der Salzburger Festspiele gehören. Ich freue mich riesig, dass jetzt doch deutlich mehr Programm möglich geworden ist.

Maskenpflicht und keine Pausen für Besucher, regelmäßige Testungen für das Team. Was werden das für Festspiele sein 2020?

Ich habe eine gute Vorahnung. Es wird etwas sehr Inniges. Natürlich sind die Festspiele als Gesamtkunstwerk angelegt. Feste und Spiele, sagte Max Reinhardt. Ich liebe es, dass man nach einer Vorstellung weiterredet, weiter feiert, sich gut anzieht. Das wird dieses Jahr fehlen. Aber die Leute werden umso mehr zu schätzen wissen, dass es wieder ein Live-Erlebnis von Kunst gibt. Am stärksten wird das beim "Jedermann" eintreten. Die ungebrochene Attraktivität dieses Stückes ist doch, dass die Menschen gegen ihren Willen, also auch Agnostiker und Atheisten, mit der Frage konfrontiert werden: Was passiert mit mir, wenn der Tod in mein Leben tritt? Das wird in Zeiten unserer Pandemie-geschüttelten Psyche noch einen stärkeren Effekt haben.

Sie haben einen eigenen Expertenrat, sind täglich mit den Behörden in Kontakt. Wie sieht das in der Praxis aus?

Sehr mühsam. Tägliche stundenlange Sitzungen. Man muss alles ständig an neue Erkenntnisse anpassen. Und es fällt uns immer wieder etwas Neues auf, das wir noch berücksichtigen müssen. Wir haben Covid-Beauftragte für jede Spielstätte und wir sind in ständigem Kontakt mit den Behörden der Stadt.

Sie verkaufen Plätze im Schachbrettmuster, dabei bleibt jeder zweite Platz leer. Im Festspielhaus werden 1000 statt 2300 Besucher sitzen. Bei einer Eigenwirtschaftlichkeit von üblicherweise 75 Prozent: Wie geht sich das finanziell aus?

Der finanzielle Verlust ist immens. Ursprünglich hatten wir 240.000 Karten aufgelegt im Wert von 30 Millionen Euro. Nun sind wir bei 80.000 Karten im Wert von 7,5 Millionen Euro. Warum um so viel weniger? Wir haben nur ein Siebtel der Opernvorstellungen, die Karten für Konzerte sind generell günstiger. Wir werden also um 22 Millionen Euro weniger Einnahmen haben heuer. Damit sinkt die Eigenwirtschaftlichkeit auf 55 Prozent.

Wie stemmen die Festspiele das? Finanzdirektor Lukas Crepaz sprach von Sparmaßnahmen.

Es geht sich aus, weil die öffentliche Hand an unserer Seite ist und wir die gleiche Höhe an Subventionen bekommen wie für das ganze Programm - plus zwei Millionen für das Jubiläum - also 18,8 statt sonst 16,6 Millionen Euro. Unser Gesamtbudget haben wir jedoch von 60 auf 41 Millionen Euro heruntergeschraubt.

Den Mehraufwand für die wöchentlichen Tests der Künstler und andere Corona-Maßnahmen tragen die Festspiele?

Die finanzieren wir damit, ja. Der Mehraufwand für die Sicherheit wird schmerzliche 300.000 Euro betragen. Ich mache mir weniger Sorgen um dieses Jahr finanziell als um 2021. Wir gingen von der Hoffnung aus, dass 2021 wieder Normalität herrscht, also nicht die neue Normalität. So wie es jetzt aussieht, ist das nicht gesichert. Zweimal können wir das schwer durchstehen.

Die Salzburger Festspiele sind als erste große Kulturinstitution, die wieder aufsperrt, eine Art Exempel, an dem die Rahmenbedingungen für die Kulturveranstaltungen in Zeiten von Corona ausverhandelt wurden. Wie war die Kommunikation mit der Kulturpolitik?

Da waren wir sicher Eisbrecher. Wir wollten keine Sonderregelungen für die Festspiele. Wenn uns der Sommer gelingt, dann nutzt das allen Kulturinstitutionen im Herbst, von der Staatsoper bis zum Landestheater. Was die Kulturpolitik angeht, da bin ich milde gestimmt: So etwas hat es ja noch nie gegeben. Selbst in Kriegszeiten entwickelt sich das Böse, das Schwierige. Diese Pandemie ist von einem Tag auf den anderen über uns gekommen. Die Regierung hat völlig richtig gehandelt mit dem Lockdown. Was mich aber geradezu persönlich gekränkt hat: Weder Regierung noch Opposition haben spontan gesagt: Kunst und Kultur sind genauso systemrelevant wie Handel und Gastgewerbe. Wir sind so stolz, dass wir eine Kulturgroßmacht sind. Kunst hat dabei eine Doppelrolle: als Seelennahrung, da kann nichts das Live-Erlebnis ersetzen. Und als Wirtschaftsmotor. Das gilt für jeden Kulturbetrieb.

Und wie war die Zusammenarbeit mit der Kulturpolitik nach den anfänglichen Schwierigkeiten?

Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer war im Kuratorium der Salzburger Festspiele und war da eine ganz große Unterstützung. Aber es gibt nicht nur die Festspiele. Das Schöne an unserer Kulturlandschaft ist diese schillernde Kleingliedrigkeit. Da wird vieles sterben. Das macht mir große Sorgen. Sowohl was die Kultur als auch die Wirtschaft betrifft. Von der Kleinbühne bis zum intimen Familienhotel. Ich glaube nicht, dass da alles wiederkommt. Das ist ein enormer Verlust.

Als Argument für die Festspiele wird immer der wirtschaftliche Faktor genannt als Legitimität. Braucht Kunst das heute, einen Zweck, der nicht in ihr steckt?

Es ist ein Vorteil. Kunst darf ihre Legitimität niemals aus ihrer Rentabilität beziehen. Aber die Salzburger Festspiele wurden aus einem dreifachen Zweck gegründet. Zuallererst der Kunst wegen, zweitens als Friedensprojekt für das geschundene Österreich und drittens, um Wohlstand in die Region zu bringen. 1917, mitten im Krieg, schrieb Max Reinhardt, dass die Festspiele einen Strom an wohlhabenden Kunstfreunden in die Stadt bringen werden. Er sollte Recht behalten.

Ihr Kartenbüro hat 180.000 Kartenkäufe rückabgewickelt. Der neue Kartenverkauf begann am 13. Juli. Wie wurde er aufgenommen?

Es war ein Run auf die Karten. Die Zahlen bestärken mich darin, dass die Festspiele stattfinden: Am ersten Tag des freien Verkaufs haben wir 3300 Karten im Wert von 400.000 Euro abgesetzt. Die Opernvorstellungen sind schon so gut wie ausverkauft.

Sind die Festspiel heuer weniger international?

Sicher. Unsere größte Stärke, das größte internationale Festival der Welt zu sein, werden wir heuer nicht ausspielen können. Einige Produktionen mussten verschoben werden, weil das Team nicht hätte anreisen können. Und auch Besucher etwa aus Südkorea oder den USA können heuer nicht kommen.

Sind schon alle Künstlerinnen und Künstler der zentralen Produktionen schon angereist?

Die sind alle da, haben eine Riesenfreude - und negative Corona-Tests.

Einen ersten Corona-Fall gab es schon mit einer freien Mitarbeiterin. Wie viel darf da noch passieren, um die Festspiele nicht zu gefährden?

Es geht der Kollegin gut, sie hatte kaum Symptome. Und alle Kontaktpersonen sind zweimal negativ getestet worden. Unser Präventionskonzept, das hat dieser Fall gezeigt, ist zu 100 Prozent richtig. Wir haben Kontakttagebücher, messen jeden Morgen unsere Temperatur. Wir können also bei jedem und jeder nachschauen, mit wem er oder sie Kontakt hatte. Sollte ein Fall auftauchen, gibt die Behörde hier klare Vorgaben. Es gibt für jeden möglichen Fall einen Stufenplan. Ich bin optimistisch, aber es kann alles passieren. Es bleibt ein Wettlauf mit der Zeit.

Es gibt eine Kluft zwischen erlaubt und sinnvoll: Gerade geschlossene Räume gelten als Ansteckungsherde. Ist es sinnvoll, da 1000 Menschen ins Festspielhaus zu setzen?

Wir haben diese Gedanken an den Beginn gestellt. Wir wissen sofort, wer um eine Person herum gesessen ist, und können reagieren. Ich mache mir da mehr Sorgen um die Gastronomie rund um die Festspiele, wo das nicht mehr so klar nachvollziehbar sein wird. Der gesellschaftliche Schaden, wenn wir jetzt sagen, das ist uns alles zu gefährlich, ist enorm. Es ist der einfachste Weg, alles zuzusperren. Ich hoffe, dass sich alle Menschen, die zu uns kommen, ihrer Eigenverantwortung bewusst sind. Ich werde meine Maske sicher durchgehend tragen, weil ich nicht verantwortlich für das Zusperren sein will.

Wie hat die Stadt, haben die Bürger auf diese verkürzte Festspielsaison reagiert?

Markus Hinterhäuser und ich wohnen ja in Salzburg. Wir erlebten den plötzlichen Wechsel von der erdrückten Stadt mit Over-Tourism in die Geisterstadt. Eine Woche war das schön. Aber dann hat die Stille etwas Bedrohliches bekommen. Als diese Stille so bedrohlich wurde, weil man erahnen konnte, welche menschlichen Schicksale da dahinter stehen, war uns klar: Wir müssen spielen. Gesundheit stand dabei an erster Stelle, dazu kam das künstlerisch Sinnvolle und das wirtschaftlich Vertretbare. Wenn wir jetzt durch die Stadt gehen, bedanken sich die Menschen. Das gab es nie. Die Festspiele wurden immer als etwas Selbstverständliches angesehen - oder gar als Störung.

Sie hatten Ihren Abschied für 2020 geplant, um Ihre Amtszeit mit dem 100-Jahr-Jubiläum zu krönen. Nun haben Sie um ein Jahr verlängert und werden 2021 dann 27 im Amt gewesen sein . . .

Markus Hinterhäuser hat mir versprochen, mich nicht noch einmal zu fragen, ob ich verlängere. Ich war fest entschlossen zu gehen. Und nicht bereit, mich umstimmen zu lassen. Aber im Lockdown habe ich gesehen, wie wichtig ich als Mutmacherin bin. Als wir das Jubiläumsprogramm auf kommende Sommer verschoben haben, war mir schnell klar, dass ich mich da nicht herausnehmen kann. Es hat eine Logik, dieses Jubiläumsprogramm gemeinsam zu Ende zu führen.

Die Epidemie ist höchst dynamisch. Wann werden Sie aufatmen?

Ich würde sagen am 14. September. Unsere letzte Vorstellung ist am 30. August, wo also jemand jemanden angesteckt haben könnte. Dazwischen fahre ich aber eine Woche mit meinen Kindern und Enkelkindern auf Urlaub. Nach Italien.