Im Zentrum von Peter Handkes jüngstem Stück "Zdeněk Adamec" steht ein historisches Drama: Am 6. März 2003 übergoss sich der damals 18-jährige Zdeněk Adamec am Prager Wenzelsplatz mit Benzin und setzte sich selbst in Flammen. Handkes Text entspinnt ein Gespräch unter einer Gruppe Menschen, die zufällig aufeinandertreffen, stellt Mutmaßungen über die Beweggründe für die Selbstverbrennung an. Am Sonntag (2. August) wird das Stück im Rahmen der Salzburger Festspiele uraufgeführt. Die "Wiener Zeitung" sprach mit "Zdeněk Adamec"-Regisseurin Friederike Heller über Protestbewegungen und Theaterarbeit in Zeiten von Corona.

"Wiener Zeitung": Der Titelheld in "Zdeněk Adamec" tritt nie in Erscheinung. Haben Sie je überlegt, ihn dennoch auftreten zu lassen?

Friederike Heller: Der Gedanke war durchaus verlockend, wäre aber wohl ein Fehler gewesen, da gerade seine Abwesenheit Anlass für Gespräche liefert. Der Text lotet das Spannungsfeld von abgrundtiefer Verzweiflung und Weltverdruss bis hin zu äußerster Lebensfreude und Vergnügtheit aus. Es geht um den Schmerz über den Verlust eines jungen Menschen und um das Geschenk, am Leben sein zu dürfen.

Handke-erprobt: Regisseurin Friederike Heller. - © A. Zeuner
Handke-erprobt: Regisseurin Friederike Heller. - © A. Zeuner

Die Studenten Jan Palach und Jan Zajic, die sich 1968 aus Protest gegen das Sowjetregime in Prag verbrannten, werden in Tschechien bis heute verehrt. Weshalb ist Zdeněk Adamec in Vergessenheit geraten?

Darüber nachzudenken ist zentrales Anliegen des Textes. Die Stimmen, die zu Wort kommen, erforschen die Motivation, versuchen dem Suizid auf die Spur zu kommen, fragen sich, ob die Marginalisierung seiner Tat gerechtfertigt ist - oder ob nicht vielmehr der Protest eines jungen Menschen absolut ernst zu nehmen ist, der sich gegen das bestehende System derart vehement zur Wehr setzt, dass er sich selbst auf so schreckliche Weise auslöscht.

Sehen Sie in dem Protest Bezüge zu aktuellen Bewegungen wie Fridays for Future und Black Lives Matter?

Ja. Es gibt derzeit vieles, wogegen sich Menschen erheben. Ich habe das Gefühl, dass sich weltweit eine Front entwickelt, die Missstände nicht mehr hinnehmen will, sich an Themen wie Rassismus, Klimakatastrophe und Geschlechtergerechtigkeit abarbeitet.

Nicht wenige erhoffen sich eine bessere Welt nach der Pandemie. Corona-Romantik?

Es ist doch schön, dass es diese Hoffnungen gibt. Im Stück wird eine Übergangszeit beschrieben, in der Missstände noch nicht überwunden sind, in der man sich auf die Suche nach Veränderungen begibt. Der Schwerpunkt liegt im Austausch, wie eine gewaltfreie Welt möglich werden kann.

"Man schämt sich heute zu leben", heißt es an einer Stelle im Text.

Ist es nicht so? Erleben wir nicht tagtäglich die zerstörerischen Fähigkeiten des Menschen? Die Geschichte der Menschheit ist ebenfalls nicht besonders ruhmvoll. Handkes Text verpackt die Verantwortlichkeit des Menschen für den gegenwärtigen Zustand der Welt in poetische Bilder, Widersprüche und Paradoxien.

"Zdeněk Adamec" ist bereits Ihre vierte Handke-Inszenierung. Was bedeutet Ihnen der Autor?

Peter Handke hinterfragt das Theater und seine Spielregeln immer wieder aufs Neue. Das eröffnet große Freiheiten in der Arbeit, allerdings befindet man sich auf ungeklärtem Terrain. Es ist jedes Mal die erneute Suche nach einem passenden Format: Das kann glücken, aber auch schiefgehen, darin liegt die Herausforderung.

An Handkes Schriften über den Jugoslawienkrieg entzündete sich anlässlich des Literaturnobelpreises eine beispiellose Kontroverse. Wie stehen Sie dazu?

Nachdem die Debatte losgetreten worden war, setzte ich mich hin und arbeitete die fraglichen Texte noch einmal durch - und gelangte zu dem Standpunkt, dass es gerade jetzt besonders wichtig ist, das vielfältige Werk dieses Autors zur Verfügung zu stellen, damit nicht nur diese eine Facette hängen bleibt. Ich habe Handke als großzügigen und freundlichen Menschen kennengelernt, sicher hat er aber viele Gesichter. Mir ist wichtig, dass über sein konkretes Werk gesprochen wird, im Fall von "Zdeněk Adamec": über ein Plädoyer für Pluralismus und Menschlichkeit.

Wie erleben Sie die Probenarbeit unter den Corona-bedingten Sicherheitsauflagen?

Das notwendige Sicherheitssystem hat zur Folge, dass ich nicht ungeschützt an die Schauspielerinnen und Schauspieler herantreten darf. Eine gewisse physische Nähe hat für mich aber zentral mit Theaterarbeit zu tun. Das alles bringt eine gewisse Schwere mit sich. Atmosphärisch spielen diffuse Ängste stark in die Arbeit mit rein.

Wie lautet Ihre Prognose für den Theaterherbst?

Mein Herz blutet, wenn ich das sage, aber ich fürchte, dass Theater von vielen als Gefahrenquelle wahrgenommen werden wird. Das ist das Gemeine an dem Virus, dass es das, was uns als Menschen ausmacht - nämlich die Nähe zueinander -, zum Risiko erhebt. Ich mache mir Sorgen um das Theater und sein Publikum.