Kein Solist wird bei den Salzburger Festspielen, die am Samstag beginnen, so oft auftreten wie er: An acht Abenden durchmisst Igor Levit (33) die Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Der russisch-deutsche Pianist sprach vorab mit der "Wiener Zeitung" über den Kunstbetrieb in der Corona-Krise, seine On-Off-Beziehung mit Twitter und seine Nähe zu Beethoven.

"Wiener Zeitung": Sie haben im Vorjahr die Reisefreudigkeit der Klassik-Branche kritisiert. Es schade dem Klima, dass Orchester und Solisten so oft um die Welt fliegen. Jetzt liegt der Tourneebetrieb auf Eis. Überspitzt gefragt: Hat die Pandemie dem Umweltschutz einen unverhofften Erfolg gebracht?

Igor Levit: Ich habe eine Weigerungshaltung gegenüber Fragen entwickelt, die auf "Vorteile" der Pandemie abzielen. Die Schicksale von Künstlern hängen an einem seidenen Faden. Was kann man gegen diese Existenzgefährdung tun? Es wird wohl niemand, der bei Verstand ist, eine unkontrollierte Öffnung der Konzertsäle fordern, das wäre verantwortungslos. Aber man muss anerkennen, dass hier Menschen mit dem Rücken zur Wand stehen.

Was ist zu tun, meinen Sie?

Die großen und die kleinen Veranstalter müssen erhalten bleiben, dafür hat die Politik zu sorgen, aber auch der Kulturbetrieb selbst durch Solidarität. Man sollte aber nicht nur über die Gegenwart nachdenken, sondern auch über die Zukunft. Aktuell kehrt die Bühnenkunst in Österreich und in Deutschland langsam und in kleinerem Rahmen zurück. Die Einschränkungen dürften allerdings bis auf weiteres bestehen bleiben. Mittelfristig kann kein Veranstalter überleben, der nur 20 bis 30 Prozent seiner Tickets verkaufen darf.

Also müssen mehr Subventionen auf längere Zeit her?

Ja. Und gegenseitige Hilfe. Es kann nicht sein, dass das Leid auf einzelne Künstler, Produktionsbüros, Agenturen und Veranstalter abgeschoben wird, so nach dem Motto: Seht mal, wo ihr bleibt.

Sie haben im Mai einen Klaviermarathon im Netz bestritten und 16 Stunden die "Vexations" ("Quälereien") von Erik Satie gespielt, mit den geforderten 840 Wiederholungen. Wieso?

Das Stück schien mir ideal für diese Zeit durch seine Monotonie, es ist wie ein leerer Blick auf eine Wand. Zugleich ist es genial für ein Konzert im Internet. Ein wiederkehrendes Argument gegen Streaming-Darbietungen lautet ja, dass die Aufmerksamkeitsspanne im Internet kurz ist und die Leute nach höchstens zwei Minuten abschalten. Der Vorteil der "Vexations" ist aber, dass man eigentlich das ganze Stück innerhalb von zwei Minuten hört, weil es sich dauernd wiederholt. Außerdem: Die 840 Seiten, die ich für das Konzert verwendet habe, sind danach versteigert worden. Wir haben damit 25.000 Euro gesammelt. Sie gehen direkt an eine deutsche und eine US-amerikanische Institution, die freischaffenden Künstlern helfen. Der Aufwand war es echt wert.

16 Stunden: Wie war das körperlich?

Es gab einen Augenblick, da dachte ich: Jetzt bin ich ein bisschen genervt, weil es so lang dauert. Aber dann fand ich es wunderschön. Am Ende war ich total high und noch am nächsten Tag sehr glücklich. Erst am übernächsten Tag war ich ein bisschen fertig.

Während des Lockdowns haben Sie 52 Hauskonzerte via Twitter live in die Welt übertragen. Spürten Sie an Ihrem Klavier eine Verbundenheit mit dem fernen Publikum, und war dieses Gefühl stärker oder schwächer als bei normalen Auftritten im Konzertsaal?

Ich bin in dieser Hinsicht etwas anders geeicht, und das schon von klein auf. Es ist mir grundsätzlich völlig egal - und das meine ich so, wie ich es sage -, vor wie vielen Menschen ich spiele und in welchem Raum. Hauptsache, es gibt Musik. Wenn mir das Publikum zuhört, schenkt es mir das Wertvollste, was es besitzt, nämlich seine Zeit. Das ist mir sehr wichtig. Ich gebe mir immer die gleiche Mühe, ob ich nun für einen Freund zu Hause spiele oder für 200.000 Menschen im World Wide Web. Sobald ich weiß, dass Menschen zuhören, sind bei mir alle Schleusen offen. Ich habe bei meinen Hauskonzerten auch nicht Fünf-Minuten-Stücke gespielt und danach "Tschüss!" gesagt, sondern vollständige Programme präsentiert. Es war genauso intensiv wie sonst und ungeheuer schön.

Sie sind auf Twitter schon lange beliebt, aktuell haben Sie 93.000 Follower. Um die Marke von 150.000 zu knacken, haben Sie sich ein interessantes Lockangebot ausgedacht: Zur Feier des Rekords würden Sie die Wagner-Oper "Die Walküre" ganz spielen, samt Walküren-Ritt, in einem Francis-Ford-Coppola-T-Shirt. Die Noten hätten Sie griffbereit?

Na klar! Das war eine spontane Idee, aber ich stehe zu meinem Wort.


Sie haben auf Twitter aber nicht nur Spaß. Im Jänner 2019 sagten Sie dem "Kurier", dass Sie die App abgedreht hätten. Sie nannten den Kurznachrichtendienst damals "ein Trollfeld von einfachen Absolutismen". Warum sind Sie dann doch zurückgekehrt?

Ich habe meinen Account zweimal stillgelegt für einige Zeit - das eine Mal, nachdem eine große deutsche Wochenzeitung eine unsägliche Debatte über das Für und Wider der Seenotrettung von Geflüchteten angestoßen hatte. Die Diskussion ist in den sozialen Medien so destruktiv geführt worden, dass es mir die Luft zum Atmen genommen hat. Ich merkte, wenn ich jetzt nicht aufpasse, stürze ich total ab. Es war gut, dann für einige Zeit Ruhe zu geben. Im Grund hat sich zwar nichts geändert auf der Welt. Gar nichts. Aber ich mag Twitter, es ist ein Teil meines Alltagslebens. Es macht mir wieder Spaß, und seit Beginn des Lockdowns noch mehr.

Sozialen Medien wird nachgesagt, die Menschen eher zu spalten als zu einen. Wurde die verbindende Kraft durch die Situation des Lockdowns stärker?

Ja. Wobei, Trolle und Twitternazis gibt es immer noch. Ein Wiener Freund hat mir geraten: "Nicht einmal ignorieren!" Das habe ich mittlerweile recht gut verinnerlicht.

Sie spielen in Salzburg sämtliche Beethoven-Klaviersonaten, im Vorjahr haben Sie sie in einer Gesamtaufnahme bei Sony Classical herausgebracht. Manche Kollegen trauen sich erst im höheren Alter, diesen Werkkomplex zu schultern. Hatten Sie keine Skrupel?

Grundsätzlich habe ich natürlich Skrupel. Wer als Mensch keine hat, ist gefährlich. Aber diese Musik ist geschrieben worden, um gespielt zu werden. Und es hat sich richtig angefühlt. Die Idee, dass man erst ab einem Alter mit einer Fünf oder Sechs vorneweg Reife mitbringt, finde ich grotesk. Ich kenne Kinder, die haben bereits im Alter von zwölf Jahren mehr vom Leben gesehen und Schmerz erfahren als so mancher sehr arrivierte Kollege, der mit erhobenem Haupt darüber spricht, welchen persönlichen Reifegrad man dafür braucht, um die "großen Meisterwerke" zu spielen. Das kann ich nicht ernst nehmen. Außerdem: Die Beethoven-Sonaten sind der zentrale Teil meines musikalischen Lebens. Ich freue mich mit Beethoven, ich leide mit ihm, mal geht’s gut, mal nicht, aber es gab nie auch nur eine Sekunde des Zögerns, ob ich diese Sonaten einspielen soll. Miles Davis hat einmal gesagt: If you’re not making a mistake, it’s a mistake.

Sie zählen zu den führenden Pianisten Ihrer Generation. Jüngst sagten Sie in einem Interview, Sie werden nie ein "Erfolgsarsch". Was meinen Sie damit?

Dass ich nicht mit einem imaginären Spiegel vor der Nase herumrenne, mir selbst für meine Beethoven-Aufnahme auf die Schulter klopfe und sage: "So, du bist jetzt wer." Ich muss Dinge tun. Ich gehe schlafen, stehe auf, was passiert als Nächstes? Das Leben geht immer weiter.