Ist ein "Erb-Lasser" eine Variante des Verbleichens, also ein "Er-Blasser"? Ist das "Fastdunkel" gleichbedeutend mit dem "Dämmerschein"? Gibt es letzteren überhaupt? Der Wortklauberei bezichtigen einander die namenlosen Sprecher mehrmals. Als ebensolche liest sich Peter Handkes Szene "Zdeněk Adamec" auch - auf den ersten Blick.

Wie und wo die Szene spielt, lässt Handke offen. Die kürzeren und längeren Repliken sind einzig durch Anführungszeichen getrennt, Namen oder Figuren sind sie nicht zugeordnet. Klar ist einzig: Es wird gesprochen. Und das von mehr als einer Person. Über das Leben mit seinen unverhofften Untiefen und ersehnten Abgründen, über einen Blutspendebus vor der Türe, namenlose Heimaten, verblasste Erinnerungen, und immer wieder: Zdeněk Adamec, einen jungen Mann, der sich am 6. März 2003 im Alter von 18 Jahren in Prag mit Benzin übergossen und angezündet hat.

Amorphe Sprachgebilde

Es ist ein mäanderndes, amorphes Sprachgebilde, das Literaturnobelpreisträger Handke mit seinem jüngsten Theatertext geschaffen hat. Bei der Uraufführung am Wochenende bei den Salzburger Festspielen gelang es Regisseurin Friederike Heller mit Genauigkeit und Fantasie, den losen Textpassagen im Landestheater pralles Leben einzuhauchen und dabei deren tiefgründig zarte Seele dunkel glänzen zu lassen.

Mit hoher Konzentration hat Heller den Text durchleuchtet, nur sanft eingegriffen. Für sieben Figuren hat sie sich entschieden, als Ort eine angedeutete Säulenhalle (Bühne: Sabine Kohlstedt) gewählt. Warum sich die Personen hier treffen, bleibt vage, es ist wohl Abend, sie bilden eine heterogene Schicksalsgemeinschaft, das muss reichen. Im Hintergrund spielt eine Band, mitunter singen die Figuren. Heller legt schon durch das Aufteilen der Passagen auf ihre Figuren neue rote Fäden frei, lässt den Text die so geformten Charaktere prägen und diese wiederum die flüchtigen, mächtigen Wortbilder in neuem Licht erscheinen.

Die Sieben sind wie eine Gesellschaft im Taschenformat: jung und alt, grüblerisch und unbeschwert, realitätsnah und fantasierend, vertraut und fremd. André Kaczmarczyk ist der faunenhafte Fantast, Eva Löbau die gewissenhafte Prüferin vermeintlicher Fakten, Luisa-Céline Gaffron die pralle jugendliche Lebenslust, Hanns Zischler der gut informierte Chronist der Geschehnisse, Christian Friedel der studentisch glühende Verteidiger der Wahrheit, Sophie Semin die abgeklärt seelenvoll Lebenserfahrene und Nahuel Pérez Biscayart der feinfühlig verzweifelte Denker.

Was sie eint: Sie alle versuchen, Momente im Leben eines jungen Mannes nachzuzeichnen. Wer Zdeněk Adamec wirklich war, was seine Motive und welche Erlebnisse ihn prägten, ist nur vordergründig wichtig. Interpretationen sind tabu, erinnern sie einander. Denn was als eine vermeintliche Kindheitserlebnisse des Jugendliche erörternde Debatte daherkommt, erweist sich als ein facettenreiches Mosaik, aus dessen Splittern sich nach und nach das Drama des Menschseins selbst zusammensetzt.

Starke Sprachbilder

Dass die das Stück fein durchwebenden Weisheiten nicht zu Allgemeinplätzen verkommen, liegt an dem Raum, den die Regisseurin ihnen lässt, und an den Figuren, an denen sie leibhaftig werden. Auch ohne den Nährboden des Zdeněk Adamec wären sie verloren. Seine vergessene Tragödie bettet sie ein in Lebendigkeit.

Handke steigt kunstvoll und nur scheinbar nebenbei über die Leiter von Biografiedetails seines Helden hinab in die Abgründe der Seele. Es sind die starken Wortbilder, die er dabei erschließt, die nachklingen. Von der Wohltat der Unschärfe etwa, vom steten Licht-Zwang unserer Zeit. "Und hinter 1000 Aktualitäten keine Welt", lehnt sich Handke an Rilke. Die tragische Seelentiefe eines antiken Dramas steckt mitunter in einer Randbemerkung. Ihre Wucht schmälert das nicht.